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Im Schnee versackt (Fjallabak Winter 2015)


Am Sonntag, den 22.2.2015 planten wir eine Skitour zu starten, die, inkl. Reservetagen, 9 Tage dauern sollte. Nach 3 Tagen war sie beendet. Deshalb ist dies weniger ein Bericht über eine winterliche Tour in Island, als ein Hohelied auf den DeLorme GPS-Communicator.
Es fing schon damit an, dass wir statt, wie geplant, am Sonntag erst am Montag starten konnten. Der Grund war, selbst für Island, ziemlich ungewöhnlich: Im Süden tobte sich ein Tiefdruckgebiet derart hemmungslos aus, dass auf der Ringstraße Windgeschwindigkeiten über 60 m/s gemessen wurden. So etwas kennt man sonst allenfalls vom Vatnajökull. Die Polizei sperrte deshalb am Sonntag Nachmittag die Straße vom Seljalandsfoss bis Vík. Wohlgemerkt nur wegen Wind! Daran konnten sich selbst unsere isländischen Freunde kaum erinnern. Wir erfuhren später, dass es soger einen schweren Jeep einfach auf's Dach legte.
Am Montag ging es schließlich los. Hjálmtýr sollte uns zum Abzweig der F210 von der F208 nach Landmannalaugar bringen. Von dort würden wir im Wesentlichen der F210 und F233 nach Álftavatnakrókur folgen und weiter Richtung Nordwesten gehen. Aber so weit kam es nicht. Auf der Fahrt konnten wir zwischen Skógar und Vík die Auswirkungen des Sturms vom Vortag betrachten: Immer wieder verlassene Autos am Straßenrand mit kaputten Fensterscheiben und voller Schnee. So etwas passiert, wenn Steinchen vom Wind beschleunigt auf die Scheiben knallen und Fahrer sich anschließend zu retten suchen.
An der Tankstelle in Vík ein letzter Stop, allerdings kürzer als geplant. Wir konnten nämlich kaum eintreten, weil das angeschlossene Schnellrestaurant aus allen Nähten platzte. Trauben von Touristen und das im Februar! Man hat sich ja schon damit abgefunden, dass man im Sommer nicht mehr nach Landmannalaugar kann, aber im Winter? Eine Million Touristen im letzten Jahr, sie rechnen mit zwei Millionen in den nächsten, Keflavík wird zusehends zum Großflughafen ausgebaut - keine gute Entwicklung.
Wie dem auch sei: Wir erreichten unseren Ausgangspunkt wenig später. Es lag genug Schnee, Temperatur etwa -5°C, gefühlt allerdings deutlich kälter, da ein strammer Nordwind mit ca. 10 - 12 m/s wehte. Die Vorhersage für die kommende Woche war unbeständig, Dienstags weniger Wind, kein Niederschlag, Mittwoch schlecht mit starkem Ostwind und Schneefall. Wir hatten deshalb geplant, die Hütte in Álftavatnakrókur am Dienstag Abend zu erreichen, da sich dort ein schlechter Tag gut würde aussitzen lassen.
Die F210 war nur auf den ersten Metern als Piste zu erkennen; wir folgten ihr mittels GPS bestmöglich, zunächst nach Westen, anfangs steil bergan, dann nach Norden abbiegend, den Wind jetzt leider direkt ins Gesicht. Das Gelände war hügelig, tendenziell ansteigend. Außer gelegentlichen Blicken auf den Kompass oder das GPS gönnten wir uns keine Pausen, da schlicht zu kalt. Ab 5 Uhr suchten wir einen einigermaßen geschützten und ebenen Zeltplatz und wurden auch bald fündig.
Am nächsten Morgen war es angenehmer als am Vortag: Nur noch schwacher Wind, immer noch aus N bis NO, bedeckter Himmel, kein Niederschlag. Ein trüber aber ruhiger Tag mit diffusem Licht, das Konturen in der weißen Landschaft kaum erkennen ließ. Das sollte sich bis zum Abend noch verschlechtern, so dass ich manchmal einen Abhang erst bemerkte, wenn ich schon hinabglitt. Alles in allem aber gute Bedingungen. Das Gelände wurde immer bergiger. Einmal mussten wir einige hundert Meter einem tiefen Einschnitt folgen, ehe sich eine Gelegenheit zum Übergang bot. Der Weg stellte sich bei Weitem nicht als so eindeutig und leicht zu finden heraus, wie es auf der Karte den Anschein hatte. Um die Mittagszeit blickten wir erstmals auf die Hólmsá hinab, südöstlich des Axlafoss. Das war ein kleiner Schock, denn der Fluss war offen, hatte mehrere breite Arme und Furten war keine Option.
Wer die Bilder zu diesem Bericht anschaut, dem wird auffallen, dass es von der Wanderung fast keine gibt. Normalerweise hätte ich an dieser Stelle eine Aufnahme vom weiteren Weg, dem offenen Fluss, den Bergen gemacht. Auch bei schlechtem Licht. Dass ich es nicht tat, zeigt meine schlechte Stimmung. Ich wollte immer nur weiter, es hinter mich bringen. Ich weiß selbst nicht warum, aber schon auf der Herfahrt, am Strand in Vík, dachte ich: "Warum tu' ich mir das an?". Vorfreude ist anders.
Wir folgten also dem linken Flussufer nach Norden und das zwang uns schon bald zu einem sehr steilen Anstieg. Mit Ski und Pulka nicht schön, aber machbar. Das Gelände war unübersichtlich, im Osten sehr bergig, auf der anderen Seite bildete der Fluss eine tiefe Schlucht. Immer wieder dem Instinkt folgend gelangten wir schließlich auf eine langezogene Ebene östlich der Hólmsá. Das war jene Ebene, aus der wir so schnell nicht mehr hinaus kommen sollten. Aber das ahnten wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht.
Hier ließ sich gut gehen, irritierend lediglich die hohen Berge im Osten und Norden. Dahinter lag Álftavatnakrókur und da wollten wir hin und es war alles andere als offensichtlich, wie das zu bewerkstelligen wäre. Andererseits konnte es auch nicht so schwer sein, denn schließlich schafften es die Jeeps im Sommer auch. Endlich erreichten wir den Punkt, wo sich F210 und F233 kreuzen und leider war immer noch nicht zu erkennen, wo die F233 verlaufen könnte. Klar war, dass wir jetzt nach Nordosten abbiegen müssten - aber wo? Da waren überall zwar nur kurze, aber sehr steile Hänge zu sehen. Irgendwann suchten wir uns einen aus, der machbar schien, aber auch der zwang uns dazu, die Ski abzuschnallen und nur in Stiefeln die Pulka irgendwie nach oben zu wuchten. Das war wirklich harte Arbeit. Oben angekommen merkten wir sehr schnell, dass oben nicht oben war, sondern nur der erste Absatz. Laut GPS befanden wir uns in unmittelbarer Nähe der Piste, aber dem Blick bot sich nichts, aber auch gar nichts, was uns den weiteren Weg nahegelegt hätte. Wir schnallten die Ski wieder an und quälten uns durch's Gelände in der Hoffnung es werde schon irgendwie weiteregehen. Dem war nicht so. Plötzlich stand ich vor einem tiefen Einschnitt, der mit Pulka keinesfalls zu meistern und auch nicht zu umgehen war, da sich diese Schlucht nach Westen zu bis in die höheren Berge hinzog. Ich wollte noch ein Stück weiter gehen, um vielleicht doch noch eine naheliegende Passage zu entdecken - da rutschte ich plötzlich einige Meter den Hang hinab, die Pulka überschlug sich und ich landete im Tiefschnee. Ich hatte im diffusen Licht den Hang falsch eingeschätzt.
Es war ausgesprochen mühsam und kraftraubend die Pulka und mich selbst wieder hinauf zu bekommen. Als es endlich geschafft war kehrten wir um. Irgendwo musste die Piste diese Schlucht kreuzen. Den Schluchtrand im Blick gingen wir zurück bis wir laut Karte und GPS bis auf wenige Meter die Pisten erreicht haben mussten. Übergang? Fehlanzeige. Wir hätten es an dieser Stelle vielleicht noch unverletzt hinab geschafft, aber die andere Seite bestand aus meterhohen Schneewänden, die fast senkrecht sich vor uns aufbauten. Selbst nach sieben Wintertouren in Island hatte ich nicht damit gerechnet, dass es so schwierig sein könnte, einer dämlichen Piste zu folgen. Wir gaben's auf.
Es war jetzt etwa 4 Uhr. Zwei, zur Not auch drei Stunden würden wir noch gehen können. Das Ziel lag 10 km Luftlinie entfernt. Aber wie hinkommen? Die einzige Chance wäre, auf der Ostseite der verflixten Schlucht sich einen steilen Hang hinaufzuquälen, vielleicht 30 Höhenmeter, und dann zu hoffen, dass es drüben gangbar wäre. Wir dachten auch daran, stattdessen nach Strútur zu gehen, etwa gleich weit entfernt, aber da lag die offene Hólmsá dazwischen. Und ganz frisch waren wir nach diesem Tag auch nicht mehr. Schweren Herzens und mit einem unguten Gefühl beschlossen wir das Zelt aufzubauen.

Wir haben’s in die Nachrichten geschafft. Damit waren wir in diesen Tagen nicht allein: Bei Bergland im Norden (in dieser wundervollen Hütte hatten wir auch schon markerschütternde Stürme erlebt) und etwas später auf dem Vatnajökull wurden ebenfalls Skifaher gerettet. Vorstellen kann man sich wahrscheinlich nicht, was an diesem Tag geschehen würde: Wir sollten lebendig begraben werden, das ist nicht übertrieben.
Dass wir nicht wandern würden, war uns schon klar gewesen, als wir am Vortag das Zelt aufbauten. Wir kannten ja die Wettervorhersage. Es wäre nicht das erste Mal, dass wir einen Schneesturm im Zelt "ausliegen" würden. Am Morgen war noch alles ruhig - trüb zwar und schlechte Sicht, aber von Sturm keine Spur - und doch blieben wir liegen. Das war auch gut so, denn wären wir weiter marschiert, so hätte uns das wohl vollends den Garaus gemacht. Tatsächlich wurde es später sehr windig und fing an zu schneien. Am späten Vormittag schon so stark, dass ich draußen große Probleme hatte mit dem Rücken zum Wind stehen zu bleiben (muss manchmal sein). Ich habe deshalb fast nichts mehr getrunken. Gegen 1 Uhr fiel mir auf, dass Schnee die Zeltwände eindrückte. Gerd merkte nichts davon, da er (wie fast immer im Zelt) schlief. Auf dem Hofsjökull war es ähnlich gewesen und ich war nicht beunruhigt. Ich zog mich wetterfest an und ging hinaus, das Zelt freizuschaufeln. Es war schon sehr viel Schnee, so dass ich fast eine 3/4 h beschäftigt und danach klatschnass war. Inzwischen war auch Gerd aufgewacht und schon nach 1 h, gegen 3 Uhr, war er an der Reihe zu schaufeln. Wie es zu dieser Zeit draußen aussah, weiß ich nicht, denn er hat nichts gesagt. Er war immer noch draußen, als ich gegen 4 mit dem DeLorme unsere tägliche "alles ok"-Nachricht schickte. Das hätte ich schon nicht mehr getan, wenn ich zuvor mir einen Blick nach draußen gegönnt hätte. Denn der Anblick nur wenige Minuten später war furchtbar. Die Schneemassen waren gigantisch. Ich glaubte nicht mehr ersthaft daran, das Zelt einigermaßen frei halten zu können. Um uns wuchs die ganze Ebene langsam über das Zelt und unsere Köpfe hinaus. Wir befanden uns zusehends in einem Loch. Die Ski, die wir als Häringe benutzt hatten, waren nicht mal mehr zur Hälfte sichtbar. Und der Sturm war stärker denn je, der Schneefall auch.
Trotzdem machte ich auch diesmal wieder die Runde ums Zelt, aber es war eigentlich schon sinnlos. Danach ging alles sehr schnell. Gerd schaufelte bereits wieder, als ich Hjálmtýr smste (immer per DeLorme über Satellit, da in dieser Gegend keinerlei Empfang für Mobiltelefone), ob er wisse wann der Schneefall stoppt. Die SMS war eigentlich schon Blödsinn, Ausdruck meiner Hilflosigkeit. Denn den roten SOS-Knopf zu nutzen, hatte ich noch nie ernsthaft in Erwägung gezogen, das war irgendwie undenkbar. Hjálmtýr antwortete nicht und Gerd richtete draußen gegen den Schnee nichts mehr aus. Ich merkte gar nicht, dass er was tat. Ich konnte längst nicht mehr normal sitzen und liegen, da von vorn und hinten der Schnee das Zelt eindrückte, dass kaum mehr Platz blieb. Dann die nächste Eskalation: Ich schickte die "hol uns hier raus"-Nachricht, schon wissend, dass uns das jetzt auch nicht mehr helfen würde. Man handelt nicht immer ganz rational in solchen Situationen. Dann passierte die Katastrophe: Gerds Spaten riss das Außenzelt ein. Nur ein kleiner Schlitz, aber angesichts der Tonnen von Schnee die darauf lasteten, half auch kein "Rip-Stop"-Nylon mehr. Es machte ratsch und der ganze hintere Teil des Zeltes brach zusammen. Die Schneemassen drückten von beiden Seiten das Innenzelt ein, so dass das Zelt zwei aneinanderhängenden Wiener Würstchen glich. Ich war plötzlich von meiner Apsis hinten (in der meine Pulka stand) abgeschnitten. Ich wurde leicht panisch und zögerte keine Sekunde mehr, SOS zu rufen. Der Communicator wurde ziemlich rot: Blinkte und auf dem Display sollte ich bestätigen, was ich hier tat. Aber es war kein Zweifel mehr möglich. Die Vorstellung in einem weitgehend zerstörten Zelt auf unbestimmte Zeit im Schneesturm ausharren zu müssen war grausig. Es dauerte einige Zeit, da bekam ich eine SMS aus USA, was das Problem sei. "Blöde Frage" war mein erster Gedanke, aber sie wollten wohl wissen, ob jemand verletzt sei. "Snowstorm. Tent broken. Nobody hurt" oder so ähnlich antwortete ich. Dann war erst mal Funkstille. In der Zwischenzeit benachgrichtigte ich auch Stefan und Hjálmtýr. Man weiß ja nie.
Ich wollte dann noch mal schaufeln gehen, bin aber schon gar nicht mehr richtig aus dem Restzelt, das vor allem aus der großen vorderen Apsis bestand, hinausgekommen. Direkt vor dem Eingang baute sich eine meterhohe Wand auf. Es war nur noch ein schmaler Graben zwischen dieser und dem Zelt.
Von nun an ging es nur noch darum zu retten, was zu retten war. Der Sturm hielt unvermindert an. Drinnen kroch ich unter dem eingestürzten Zelt soweit es ging nach hinten, meine Habseligkeiten zu retten. Das war sehr schwierig, denn es war nahezu unmöglich noch irgendwas unter den Schneemassen hervorzuholen. Die wichtigsten Sachen lagen Gott sei Dank in der Mitte hinten. Ich robbte mich mehrmals hin und wieder zurück, tastete blind nach allem, was da lag und suchte es durch den engen Wurstzipfel hervorzuzerren. Einen Kleidersack hatte ich schon fast aufgegeben, ehe ich ihn, jeden Hohlraum ertastend, schließlich doch frei bekam. Ich kam mir vor wie Robinson Crusoe, der versucht alles Wichtige und Nützliche aus dem Schiffswrack zu retten. Gerd hatte indessen seine Tasche mit Geldbeutel, Kreditkarten etc. an seinem Kopfende vergessen und keine Chance mehr an diese Tasche zu kommen, auch nicht mit seinen Riesenkräften.
Meine Hauptaufgabe war es jetzt die Lawine zu steuern, die ich losgetreten hatte. Ich smste weiter bis Stefan mir schrieb, dass er mit DeLorme USA und Hjálmtýr in Kontakt sei und Landsbjörg alarmiert. Unterdessen richteten wir uns im Rest des Zeltes, das wie gesagt zum größten Teil noch aus der "Küchenapsis" bestand, bestmöglich ein. Gerd heizte den Kocher an, nicht um zu kochen, sondern als Heizung. Raus konnten und wollten wir nicht mehr. Die Lage, so katastrophal sie war, stabilisierte sich, wir wurden auch wieder ruhiger und vermieden alles, was diese trügerische Stabilität gefährden könnte - auch den Blick nach draußen. Wir hatten getan, was möglich war, der Rest musste sich jetzt ergeben.
Auf die Uhr hatte ich schon lange nicht mehr geschaut, deshalb weiß ich auch nicht genau, wie lange wir derart kauernd um den Kocher ausharrten. Ich schätze etwa 3 bis 4 Stunden. Wir aßen sogar ein wenig Salami, Käse, Kekse - was wir so rumliegend fanden. Mehr zum Zeitvertreib als wegen des Hungers. Der Sturm hatte mittlerweile nachgelassen, es prasselte nur noch gelegentlich auf’s Zelt. Ich schätze, dass sich das Wetter um 7 herum beruhigte. Leider zu spät aber gut für die Rettungskräfte! Irgendwann, es mochte gegen 10 Uhr gewesen sein, hörte ich Motorschlitten. Der Schock: sie fuhren vorbei. Wir konnten uns ja nicht bemerkbar machen. Ich leuchtete mit der Stirnlampe das Zeltdach an, nicht wissend, dass wir mittlerweile ohnehin tiefer als der Boden um uns herum lagen und das Zelt gar nicht mehr zu sehen war. Da ich aber fest an Koordinaten und Mathematik glaube, war ich sicher, dass sie früher oder später bei uns auftauchen würden. Ich hätte diese Spannung aber nicht gebraucht.
So kam es dann auch. Harte isländische Burschen, gut gelaunt, freundlich und auf angenehme Weise besorgt. Sie halfen uns das Wichtigste aus dem Wrack herauszuschaffen, auch Gerd konnte nun von außen mit Schaufeln und zerren noch seine Tasche retten. Was mit dem Rest der Ausrüstung passierte, wusste ich zu diesem Zeitpunkt nicht und es war mir auch völlig egal. Von den Ski konnte man nur noch die krummen Spitzen sehen. Das Zelt, oder was davon übrig war, lag buchstäblich unter uns in einem Loch. Dann kam auch der Hubschrauber (ein großer Glücksfall, denn die Crew hatte ohnehin einen Übungsflug in dieser Nacht geplant) und wir liefen mit unseren Taschen gegen den Schneesturm, den jetzt die Rotorblätter erzeugten, hinein. Drinnen war es endlich geschafft. Die Besatzung war unglaublich nett und besorgt, wickelte mich in Decken ein (ich zitterte allerdings auch vor Kälte), setzten mir einen Kopfhörer auf (Lärmschutz) und später gab es sogar noch einen Kaffee und Kekse. Die Jungs waren einfach klasse. Ich war in einer sehr eigenartigen Verfassung, müde, glücklich und heulendes Elend zugleich. Ich starrte aus dem Fenster, wo es zunächst nur Schwarz zu sehen gab und später dann die spärlichen Lichter längs der Südküste aufleuchteten. Ich wusste nicht, wohin sie uns bringen würden, aber je länger es dauerte und je zahlreicher die Lichtpunkte unter uns wurden, desto klarer war, dass wir tatsächlich bis Reykjavík fliegen würden. Dort holten uns Hjálmtýr und Óskar (der uns am liebsten selbst gerettet hätte) am Stadtflughafen ab und brachten uns zu Magnus und Margret, die sich wie auch Stefan zuhause in Deutschland unsretwegen die Nacht um die Ohren geschlagen hatten.

Unser Skiurlaub war damit vorbei. Das Wetter änderte sich übrigens nicht wesentlich: Es blieb extrem unbeständig und stürmisch. Wir vefolgten die Nachrichten über drei Skiwanderer auf dem Vatnajökull, die die Rettungskräfte alarmierten, weil einer von ihnen krank geworden war. Landsbjörg kam, nahm den Kranken mit und forderte die anderen zwei auf, ebenfalls mitzukommen, da schlechtes Wetter angesagt war. Die lehnten das ab. Zwei Tage später mussten sie wieder rauf, die Beiden aus dem Sturm zu retten. Dieser Fall sorgte deshalb für besondere Schlagzeilen, weil Landsbjörg hier sich ausnahmsweise den Einsatz bezahlen ließ! Das war eine dicke Überschrift im Morgunblaðið wert. Normalerweise kostet die Rettung nichts. Auch wir hatten nichts zu bezahlen, nicht mal für den Hubschrauber (was allerdings an dem Übungsflug liegen mochte), wir spendeten lediglich an die Einheit in Hvolsvöllur, die uns gerettet hatte.
Nach Hvolsvöllur mussten wir ohnehin, die Reste unserer Ausrüstung zu holen, die Landsbjörg noch ausgegraben hatte. Einiges würde erst im Sommer zum Vorschein kommen, aber das war mir egal, da ich beschlossen hatte künftig suf Wintertouren dieser Art in Island zu verzichten. Sie können wunderschön sein, jedoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass man sie wie geplant verwirklichen kann sicher nicht höher als 20%. Erfahrene Isländer haben das bestätigt.
Es folgten noch einige schöne, erholsame Tage in Margrets Sommerhaus in Skógar mit kleinen Wanderungen und Spaziergängen. Einen Tag genossen wir strahlend blauen Himmel mit herrlichen Ausblicken auf den Eyjafjallajökull. Das war allerdings auch wirklich der einzige Tag mit richtig gutem Wetter. Davon gibt es auch Bilder.