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26.6.2009: Wir fliegen von München nach Keflavík und kommen nach Mitternacht isländischer Zeit an. Bis wir unsere Räder haben und im Bus nach Reykjavík fahren vergehen noch einmal zwei Stunden, so dass wir schließlich gegen halb drei Uhr nachts am Busbahnhof BSI ankommen. Am nächsten Vormittag um 10 wollen wir vom Stadtflughafen Reykjavík weiter nach Akureyri. Hotel oder Campingplatz lohnen sich also nicht und wir übernachten im BSI. Das geht erstaunlich gut, wenn auch kaum mehr als zwei bis drei Stunden (Halb-)Schlaf dabei herauskommen. Gegen fünf Uhr brechen die ersten zum Flughafen auf; wenig später montieren wir unsere Räder zusammen.
Wir haben schöne, schnörkellose Mountainbikes, die schon ein paar Jahre älter sind: Klassische Stahlrahmen ohne Federung. Übersetzung, Felgen und Reifen habe ich wie folgt gewählt:
- vorn ein 42er-Kettenblatt und hinten einen XT-Zahnkranz (9-fach, 12-32);
- breite Mavic-Felgen
- 50mm breite Schwalbe Marathon XR Reifen.
Derart ausgerüstet hatte ich trotz härtester Beanspruchung keinerlei technische Probleme, nicht mal einen Platten. Ansonsten versuchten wir das Gewicht zu minimieren: Nur das Nötigste an Essen und Kleidung und ein äußerst leichtes Zelt. Trotzdem wog das voll bepackte Rad ca. 30 kg.
Als das Café im BSI öffnet sind die Räder gerade fertig montiert und gepackt. Alles, was wir auf der Tour nicht brauchen, deponieren wir im BSI. Wir frühstücken noch einmal ausgiebig und machen uns gegen 9 auf, die 2 km zum Flughafen zu radeln. Die Räder fliegen mit uns nach Akureyri, wo wir gegen Mittag ankommen. Wir müssen noch einmal in das Städtchen fahren, um unsere Vorräte für die nächsten 7 Tage zu vervollständigen, v.a. um Benzin für den Kocher zu kaufen. In einer Ólio-Tankstelle werden wir fündig und gegen halb drei nachmittags fahren wir los.


Der Wind bläst kräftig aus Nord, es ist kühl und ziemlich klar. Wir fahren um den Fjord, bleiben aber nicht auf der Ringstraße, sondern nehmen die alte Piste über die Vaðlaheiði. Das bringt uns die ersten 550 Höhenmeter. Wir treffen eine Gruppe von Reitern, die auf dem Weg zum Mývatn sind. Bei einer Rast laden Sie uns auf einen Kaffee und Kleinur ein. Es wimmelt von Mücken in der Nähe der Pferde, so dass wir erstmals gezwungen sind, ein Mückennetz über den Kopf zu ziehen. Das wird in den nächsten Tagen noch häufig passieren.
Unten kommen wir wieder auf die Ringstraße zum Ljósavatn und haben seltsamerweise den Wind genau von vorn, also aus Osten. Gegen sechs Uhr erreichen wir den Góðafoss. Wir sind sehr müde und es friert uns. Ich esse drei Teller Suppe im Kiosk; die schmeckt zwar nicht besonders, ist aber heiß. Trotzdem wird mir nicht richtig warm. Mir fehlen Kalorien und vor allem Schlaf. Da aber das Wetter gut ist und nach wie vor (oder vielmehr wieder) der kräftige Nordwind bläst, sind wir uns einig, dass es Unsinn wäre, heute nicht so weit wie möglich nach Süden zu fahren. Nach einer Stunde machen wir uns auf den Weg Richtung Svartárkot. Die Straße 844 ist nicht asphaltiert aber sehr gut zu fahren. Dabei führt sie stets ganz leicht bergan, so dass wir nach etwa 30 Kilometern nahezu 200 Höhenmeter geschafft haben, ohne es zu merken. Der kurze Anstieg ins Hochland, die letzten 100 Höhenmeter, fallen uns dafür umso schwerer. Um halb zehn erreichen wir nach etwa 100 km seit Akureyri den Hof Svartárkot. Schon bei der Einfahrt zum Hof begrüßt uns der Hofhund. Vor allem ich habe es ihm angetan, er tänzelt um mein Fahrrad, dass ich kaum mehr bis zum Haus komme. Zunächst bin ich mir nicht sicher, ob er agressiv ist, aber er stellt sich schon bald als sehr zutraulich heraus. Zu zutraulich, wie wir noch feststellen werden.
Die Bäurin erlaubt uns das Zelt aufzustellen, und wir schlafen sehr bald sehr tief.


Es ist neblig am Morgen. Das Außenzelt ist auf der Innenseite nass. Wenig Wind. Aber schon während des Frühstücks lichten sich die Nebel und - sehr idyllisch - schwimmen zwei Singschwäne auf den blauen Wassern des Svatárvatn.
Um zehn Uhr sind wir bereit zur Abfahrt. Gleich nach dem Hof fahren wir zunächst fälschlicherweise links, merken den Irrtum aber bald und halten uns rechts. Von den ersten Metern an habe ich Probleme zu fahren, weil der Hofhund ständig um mein Fahrrad hüpft. Ein paar Mal touchiere ich ihn mit dem Vorderrad, was ihn aber nicht zu stören scheint. Irgendwann fahre ich einigermaßen rücksichtslos drauflos und das klappt ganz gut: Hund springt meistens gerade rechtzeitig zur Seite. Ich habe schon ein ungutes Gefühl, weil mir schon einmal, bei meiner ersten Wintertour in Island, ein Hund ins Hochland nachgelaufen ist, den ich mühsam zurückbringen musste. Aber noch hoffe ich, dass wir uns in seinem Revier befinden und er bald kehrt macht. Am letzten Gatter sage ich zu Stefan, er solle es schnell hinter mir schließen, damit der Hund nicht nachkommt; genau in dem Moment springt er einfach über den Zaun.
Der Weg durch die Lava ist viel besser zu fahren als erwartet: Ziemlich fester, erdiger Grund. Die Strecke ist sehr kurvig, so dass es schwer zu sagen ist, was denn nun die vorherrschende Richtung ist. Prompt nehmen wir an einer Weggabelung wieder den falschen (linken) Weg, müssen einen Kilometer zurückfahren, als wir unseren Irrtum entdecken. Aber alles in allem sind die zweieinhalb Stunden bis zur Hütte Botni das reine Genussradeln.
An den Suðurárbotnar treffen wir zwei Wanderinnen aus Deutschland, die gerade aufstehen und wie wir weiter zur Dyngjufjöll-Hütte wollen; dann allerdings über die Askja zur Dreki-Hütte, also den normalen Wanderweg Öskjuvegur. Ich hoffe kurz, unser Hund werde sich umorientieren, aber vergeblich. Er bleibt mir treu. Bis zu den Gæsavötn werden wir keine Urlauber mehr treffen.
Wir rasten an der Hütte. Unser opulentes Mittagessen besteht aus 1 1/2 Flatkökur und 4 cm Salami. Ansonsten nur Nüsse oder ein bisschen Schokolade oder Kekse. Hunger ist heute allerdings nicht unsere Hauptsorge, eher Durst. Es ist der heißeste Tag der Tour und in der Lavawüste gibt es keinerlei Schatten. Ich trinke nochmal ordentlich, fülle die Fahrradflasche, aber mehr auch nicht: Stephan meint mit dem Brustton der Überzeugung, dass es an der Dyngjufjallaskáli Wasser gebe, ein ganzer Bach voll, zum reinlegen. Etwa um ein Uhr mittag fahren wir weiter.
Mit dem Genussradeln ist es erst mal vorbei. Der Weg durch die Lava ist voller Geröll, oft kaum zu erkennen, so dass die Steinmännchen zu wichtigen Orientierungspunkten werden. Der Tacho zeigt oft kaum mehr als 6 oder 7 km/h. Aber immerhin: Wir fahren. Nach etwa 2 h ist es damit auch vorbei: Die Lava hat ein Ende, der Sand beginnt. Zu fahren sind jetzt höchstens noch ein paar hundert Meter am Stück, bergauf gar nicht, sonst nur, wenn der Sand mal etwas weniger tief ist. Sonst schiebt man durch den heißen, schwarzen Sand, die 30 kg Fahrrad mit Gepäck drohen dauernd stecken zu bleiben. Die Wasserflaschen sind inzwischen leer und Stephan träumt wieder vom Bach, in dem wir am Abend liegen werden. Der Hund tut mir leid in seinem dicken Fell, den ganzen Tag in der Sonne und seit Stunden ohne Wasser. Endlich erreichen wir das Dyngjufalladalur. Hier ist der Sand etwas weniger tief, die letzten zwei Kilometer zur Hütte kann ich wieder durchgehend radeln.
Ich kann es nicht erwarten, endlich zu trinken und im Bach zu liegen und bin deshalb ein wenig vorausgefahren. Kurz nach sechs erreiche ich die Hütte. Fünf Stunden für etwa 20 km! Direkt vor der Hütte geht es durch etwas, das ein Bachbett sein könnte, allerdings ohne Wasser. Ich ahne Fürchterliches. Die Ahnung wird zur Gewissheit, als ich halb in der Erde vergraben ein Plastikwasserfass sehe. Ich nehme den Stein vom Deckel, schau rein und bin einigermaßen beruhigt: Abgestanden aber anscheinend einigermaßen sauber. Dem Hund gebe ich gleich ein bisschen in einer Waschschüssel, die ich in der Hütte finde. Dann lege ich mich auf die Bank vor der Hütte und warte auf Stephan und das Gesicht, das er machen wird.
Wäre ich an seiner Stelle gewesen, so hätte ich mich erst mal 20 Minuten aufgeregt, dass die Isländer ihre Bäche nicht im Griff haben. Stephan stellt ziemlich nüchtern fest: "Hier war einmal ein Bach." Dann irrt er noch ein wenig ratlos ums Haus auf der Suche nach Altschnee ehe er ohne Kommentar einen Wassersack nimmt und das trockene Flussbett aufwärts stapft. Cool. Ich denke na ja und gehe ins Haus um ein wenig Brackwasser abzukochen; Teebeutel rein und es ist einigermaßen trinkbar. Als ich gerade den schlimmsten Durst gestillt habe kommt nach etwa einer dreiviertel Stunde Stephan zurück: Mit einem Sack voller Wasser. Nicht gerade kristallklar, aber trinkbar. Etwa 1 km flussaufwärts versickert Schmelzwasser aus einem Altschneefeld nach wenigen Metern im Boden. Ich mache mich ebenfalls mit zwei Wassersäcken auf den Weg und unser Vorrat bis zum nächsten Tag ist gesichert.
Im Kontakt der Hütte finden wir nur wenige Einträge aus diesem Sommer. Drei Tage vor uns planten Franzosen zur Dreki-Hütte weiterzugehen, kehrten aber wegen schlechter Sicht um. Stattdessen sind sie am nächsten Tag uns voraus über die Gæsavatnaleið nach Nýidalur aufgebrochen. Wir werden in den nächsten Tagen immer wieder ihre Fußabdrücke finden.
Unser Hund liegt die ganze Zeit vor der Tür und versucht nicht einmal hereinzukommen. Wir konnten und wollten ihm nichts zu essen geben, so hatte er den ganzen Tag nichts als ein paar Schluck Wasser. Komme ich aus der Hütte, so springt er an mir hoch und versucht das Gesicht abzuschlecken. Gebellt hat er nie, nur einmal, als zwischen 10 und 11 in der Nacht die beiden Frauen ankommen, die wir in Botni getroffen haben. Wir schlafen aber schon fast, als sie hinter der Hütte ihr Zelt aufstellen.


Am Morgen ein Triumphschrei von Stephan, der grade mal raus musste: "Na, was sag ich? Jürgen komm mal, schau dir das an!". Ich gehe raus und verstehe erst gar nicht was er meint. Dann seh' ich's auch: Der Bach führt Wasser, eine braune Brühe, aber nicht mal wenig. Es hat nicht geregnet in der Nacht und die richtig überzeugende Erklärung für dieses Naturphänomen haben wir nicht. Vielleicht ist in der Nacht ein Staudamm aus Altschnee gebrochen.
Wir starten 1/4 vor 10. Die Frauen schlafen noch. Der Anstieg durch das Dyngjufjalladalur führt etwa 300 Höhenmeter auf 930 m hinauf und ist mit den Rädern extrem anstrengend. Nur gelegentlich ist der Weg befahrbar, höchstens einmal 800 m am Stück. Eine Piste ist nicht mehr zu erkennen. Immer wieder zeichnen sich schwach alte Reifenspuren ab, sicher nicht aus diesem Jahr. Der Untergrund ist meistens sandig, mal gröber, mal feiner, mal trockener, mal feuchter. Die Landschaft ist bizarr - "Mittelerde", wie Stephan sagt: Riesige Felsblöcke, Lava, Gletscherbäche, Schneefelder, die verschneiten Berge der Askja und fast vollkommene Stille. Etwa auf halbem Weg nach oben müssen wir nochmal Schmelzwasser tanken: Eine braune, sandige Brühe, das letzte Wasser für die nächsten eineinhalb Tage. Jeder füllt zwei 4-Liter-Wasserbeutel und schleppt damit nochmal 8 kg mehr. Einmal sind wir gezwungen das Gepäck von den Rädern zu nehmen, um erst das Rad und dann die Taschen eine steile, mit Altschnee bedeckte Rampe hinaufzuwuchten. Weiter oben häufen sich die Schneefelder. Unsere mittlerweile fast 40 kg schweren Räder darüberzuschieben ist eine Qual: Die Räder bleiben fast stecken und wir auch; meine Schuhe sind völlig durchnässt; wo der Schnee schon geschmolzen ist, ist der Untergrund ein weicher Morast, in dem wir manchmal bis zum Knöchel versinken. Wir überqueren den Pass fast unmerklich, da der Weg nach Süden kaum abfällt. Als der Blick frei wird auf die Gæsavatnaleið machen wir gegen 3 Uhr nachmittags Rast. Wir haben für den Anstieg etwa 5 h gebraucht.
Wie gesagt, es geht nach dem Pass nicht nennenswert bergab. Wegen des weichen Untergrunds ist auch die Abfahrt, wenn man das so nennen will, nur stückchenweise möglich. Schließlich erreichen wir die Gæsavatnaleið nyðri (F910) und die Verhältnisse bessern sich etwas. Wir folgen der Piste etwa dreieinhalb Kilometer nach Osten. Auch hier zwingen uns Altschnee und gelegentlich tiefer Sand immer wieder abzusteigen. Wir begegnen einem Jeep auf dem Weg nach Nýidalur, der allerdings nicht Touristen gehört (die F910 ist immer noch offiziell geschlossen), sondern einem Rescue Team. Kurzer Austausch woher, wohin und tschüß. Dann zweigt die Gæsavatnaleið syðri nach Süden ab. Es wird immer sandiger und wüstiger, je nachdem wie tief der Sand ist, können wir fahren oder auch nicht. Ein kräftiger Wind bläst uns aus Süden entgegen und gegen 19 Uhr stellen wir bei km 33 unser Zelt in einer Senke im Lavafeld auf. Hier gibt es kein Wasser, so dass unser Hund an diesem Abend nicht nur hungert, sondern auch noch dürstet. Ein wenig Wasser, das ich ihm in einen hohlen Stein gieße, ignoriert er. Trotzdem macht er keine Anstalten ins Zelt zu drängen, sieht uns mit müden Augen beim Essen zu oder döst an einem windgeschützten Plätzchen vor sich hin.


Ich schlafe nicht gut und bin um viertel nach fünf wach. Da die Sonne hell scheint und es warm wird im Zelt, wecke ich Stephan. Er blinzelt mich an, aber als ich ihm sage, dass es halb neun ist, ist er sofort hellwach. So schaffen wir es, bereits um halb acht loszufahren.
Es geht weiter durch die Wüste immer längs der Lava. Der Untergrund ist weiterhin sandig, aber wir fahren gleich zu Beginn vier (!) Kilometer am Stück. Das ist sensationell. Als die Piste zum Schwemmland vor dem Vatnajökull hinabführt, gleicht sie wieder einem Sandkasten.
Noch vor neun Uhr erreichen wir das Schwemmland: Eine weite, braune Ebene vor dem Eis des Gletschers, das hier eher schwarz als weiß ist, durchzogen von Rinnen, die sich jede Minute mehr mit Wasser füllen. Zunächst aber fahren wir auf wunderbar festem Lehmboden, besser als Asphalt. Nach einem Kilometer wird der Boden zusehends feuchter, es gibt mehr und tiefere Rinnen; die Piste biegt nach Westen ab, markiert durch gelbe Stangen. Die führen schießlich durch ein ausgedehntes, zehn bis zwanzig Zentimeter tief überflutetes Gebiet, also gerade noch fahrbar, auch wenn ich mehrmals drohe im aufgeweichten Untergrund stecken zu bleiben. Als wir am Einstieg zum Anstieg zum Urðarháls ankommen, sind Schuhe und Strümpfe durchnässt. Aber wie schon am Tag zuvor würden sie auch heute rasch trocknen.
Die Piste besteht nun aus grobem Geröll. Anfangs ist sie so steil, dass an fahren nicht zu denken ist. Aber nach vielleicht 50 Höhenmetern ist es möglich, wenngleich mühsam, einen fahrbaren Weg durchs Geröll zu finden. Fahren ist fast zuviel gesagt, es gleicht eher einem Balancieren auf dem Rad von Stein zu Stein. Immerhin erreichen wir auf diese Art den Urðarháls ohne abzusteigen. Dieser überrascht und beeindruckt mich sehr: Ich hatte keinen Krater dieses Ausmaßes erwartet. Danach wird es eher einfacher, da die meisten Höhenmeter geschafft sind und erst kurz vor der Kistufell-Hütte die Piste noch einmal steil ansteigt. Wenige Meter nach dem Krater haben wir unsere erste Panne: Stephan muss Mantel und Schlauch wechseln. Gegen halb eins erreichen wir auf etwa 1050 m die Hütte, oder besser das Lavafeld gegenüber; den Weg zur Hütte sparen wir uns.
Wir rasten eine knappe Stunde in dem Irrglauben, das Schlimmste liege für diesen Tag hinter uns. Tatsächlich folgen dreieinhalb Stunden durch die Lava, die zum härtesten gehören, was diese Tour zu bieten hatte; allenfalls die Schneefelder und Moraststrecken beim Anstieg durch das Dyngjufalladalur können mithalten. Anfangs konnten wir noch ganz gut durch die Lava kurven; aber schon bald versperrten immer wieder ausgedehnte Schneefelder den Weg, teilweise steil ansteigend. Mit jedem Höhenmeter gab es noch mehr Schnee. Immer häufiger mussten wir durch Schmelzwasser waten und nach jedem Absatz, den wir für den Gipfel hielten, folgte nur die nächste Schnee- und Wasserquerung und der nächste Anstieg. Der Himmel verfinsterte sich und es wurde kalt. Wenn es nicht gerade über Schnee oder durch's Wasser ging, dann auf verschlungenen, morastigen Wegen durch die Lava; befahrbar zwar, aber wie!
Wir sind seit fast zehn Stunden unterwegs. Stephan zeichnet sich wieder durch stoischen Gleichmut aus. Ich nicht. Die Füße sind nass und bleiben nass. Die Kräfte lassen langsam nach, als wir endlich gegen 5 Uhr abends auf etwa 1200 m den Pass in Gestalt eines engen Tores aus Lavafelsen erreichen: Der Blick wird frei steil hinab auf noch mehr Lavafelder. Himmel, Steine, Erde, Berge, Gletscher - eine Welt in schwarzweiß.
Die Abfahrt ist erst mal keine, die Gesteinsbrocken viel zu grob und auch die Schneefelder hören noch nicht auf, verlieren bergab allerdings einiges von ihrem Schrecken. Endlich ist das letzte Schneefeld überquert und wir können tatsächlich fahren. Bald sind auch die Gæsavötn zu sehen und am Ufer ein Zelt mit zwei Menschen: Die Franzosen, deren Eintrag ins Hüttentagebuch in der Dyngjufjallaskáli wir gelesen hatten. Etwa 500 m vor dem See kreuzen wir einen Bach, an dem etwas Moos in grellem Kontrast zum üblichen schwarz-grau wächst. Geradezu überwältigend dann der Anblick der Wiesen am Ufer der Seen. Wir zelten auf weichem, saftigen Gras, der Bach mit klarem Wasser plätschert dahin, und es ist ein Genuss, barfuß durchs feuchte Gras zu gehen.
Wir haben das Zelt noch nicht lange aufgebaut, als ein Jeep ankommt und kurz danach bekommen wir Besuch im Zelt: Der Ranger des Gebiets ist ausgerechnet heute zum ersten Mal in diesem Jahr zu den Gæsavötn gefahren, um sich umzusehen. Er fragt uns sehr interessiert nach dem Zustand der Gæsavatnaleið syðri und schließlich nach unserem Hund. Als wir ihm dessen Geschichte erzählen staunt er ungläubig, schlägt aber schließlich zu meiner großen Erleichterung vor, den Hund später mit zurück nach Nýidalur zu nehmen. Tatsächlich ist er verschwunden, als wir mit dem Essen fertig sind. Ein bisschen wehmütig ist mir dann doch zumute.


Wir brechen um halb zehn nach Nýidalur auf. Die Franzosen sind schon losgegangen. Die Piste ist gut zu fahren und das wird sich auch den ganzen Tag nicht wesentlich ändern. Bald haben wir die Wanderer eingeholt und nach gut einer Stunde erreichen wir die Gæsavatnaleið nyðri (F910). Der restliche Tag ist vor allem durch die zahlreichen Furten gekennzeichnet. Die beiden größten sind am Anfang und am Ende zu queren; dazwischen liegen etwa ein halbes Dutzend weitere. Die Strömung ist teilweise so stark, dass wir das Rad nicht durch's Wasser schieben können, es wird einfach weggeschwemmt und hat keinen Bodenkontakt mehr. Stattdessen ziehen wir es durch und es ist manchmal nicht leicht, die 30 kg festzuhalten und dabei noch sicher zu stehen.
Die Strecke, obwohl recht gut zu fahren, ist doch anstrengend, da sehr hügelig. Sie schwankt dauernd zwischen 800 und 900 Meter und wird erst auf der Sprengisandur etwas ebener. Diese ist immer noch nicht offiziell eröffnet und oft noch sehr nass.
Als wir die Furt in Nýidalur erreichen, wartet auf der anderen Seite des Flusses schon der Hund. Sobald die Sprengisandur offiziell freigegeben ist, wird ihn der Bauer aus Svartárkot abholen und heimführen. Jetzt paddelt er uns trotz der reißenden Strömung entgegen. Um 5 Uhr nachmittags sind wir schließlich in der Hüttte und werden von der Frau des Aufsehers mit Lummur (kleine, dicke Pfannkuchen), Rhabarbermarmelade und Kaffee begrüßt. Wir sind die einzigen Touristen in Nýidalur und entschließen uns daher in der gemütlichen Hütte zu übernachten. Später kommen noch zwei Radler aus Franken; sie sind am Morgen 80 km südlich in der Nähe des Kraftwerks Sigalda gestartet und über die Sprengisandur gefahren. Sie beklagen sich furchtbar über die Mücken und haben außerdem einen Schaden an der Felge mit dem sie kaum mehr aus dem Hochland rauskommen werden. Wir werden sie am Flughafen in Keflavík wiedersehen. Sie sind sehr lustig und beeindrucken uns vor allem durch ihre Essgewohnheiten: Sie packen ihren Frankenlaib aus der Heimat aus, zwei Dosen Pfälzer Schinkenwurst vom Metzger ihres Vertrauens, dazu (immerhin isländische) Butter in rauhen Mengen. Kein Wunder wenn die Felge bricht.


Hrauneyjar. Wir sind gegen 8 in Nýidalur losgefahren und kurz nach 8 hier angekommen. Über 12 Stunden und 110 km und in Summe deutlich mehr als 1000 Höhenmeter durch die Sprengisandur. Mit 3 Keksen, ein paar Nüssen und den üblichen 4 cm Salami als Mittagessen.
Am morgen verabschieden wir uns von den Wirtsleuten in Nýidalur und vom Hund, der fest angeleint ist, damit er uns nicht wieder folgen kann. Heute wird die Sprengisandur offiziell freigegeben. Der Hund kommt also nach hause, und auf der Fahrt über die Sprengisandur treffen wir zahlreiche Jeeps und einige Hochlandbusse, die sich weithin durch Staubwolken ankündigen. Die Piste ist technisch leicht zu fahren, aber sehr hügelig mit teilweise sehr steilen Anstiegen, insbesondere kurz vor Versalir, wo ich die Isländer verfluche, weil sie keine Serpentinen kennen. Der Wind bläst uns aus SO entgegen und nimmt im Laufe des Tages an Stärke deutlich zu. Bei Versalir (km 57) haben wir ganz subjektiv das Gefühl, die Sprengisandur hinter uns zu lassen; das mag je nach Interpretation richtig sein, ändert aber nichts daran, dass es erst die Hälfte des Weges nach Hrauneyjar ist.
War die Landschaft bisher ausgesprochen reizvoll mit vielen schönen Blicken über die Hochlandwüste und den Hofsjökull, so wurde sie nun ausgesprochen trostlos, fast hässlich. Ab Versalir ging es nur noch darum die Kilometer abzuspulen, so schnell wie möglich. Ich versuche nur noch alle 5 km auf den Tacho zu schauen, um mich nicht dauernd zu frustrieren. Ähnlich wie auf der Gæsavatnaleið syðri scheint auch diesmal mit fallender Stimmung der Luftdruck zu fallen: Wolken ziehen auf, es sieht nach Regen aus und der Gegenwind wird auch immer stärker. Wir radeln zusehends müder durch die Trostlosigkeit und zu allem Überfluss hören auch die Steigungen nicht auf. Irrationale Hoffnungen keimen auf: Ich sehe die Piste verläuft steil den nächsten Berg hinauf und rede mir ein, dass es zuvor rechts abgehen muss nach Hrauneyjar. Tut es aber nicht. Kurz vor Sigalda führt die Piste noch einmal hinauf auf den Vatnsfell, 753 m, womit wir fast wieder auf der Höhe von Nýidalur sind.
Den ganzen Tag bin ich im T-Shirt gefahren, aber auf diesen letzten Kilometern vor Sigalda ziehe ich die Jacke und schließlich sogar den Anorak an. Das hat weniger mit den schwarzen Wolken, dem Wind und den vereinzelten Regentropfen zu tun: Ich habe nichts mehr zu verbrennen. Selbst an den steilen Anstiegen komme ich kaum mehr in Schwitzen, trotz Anorak, und oben kreise ich mit den Armen, während ich auf Stephan warte, um das Blut weiter zirkulieren zu lassen. Die Hände werden taub und der Geist stumpft ab.
Nach der Abfahrt vom Vatnsfell beginnt die Asphaltstraße. Ein komisches Gefühl nach sechs Tagen Sand, Steine, Dreck und Wasser. Kurz danach das Schild nach Hrauneyjar: 13 km. Der Schock bleibt aus, weil mir mittlerweile ohnehin alles egal ist und es außerdem auf dem Asphalt vorwiegend bergab geht. Trotzdem sind die letzten Meter eine Qual. Als wir schließlich in Hrauneyjar ankommen, mieten wir uns in der Schlafsackunterkunft ein, duschen und essen: Gemüsesuppe mit Lammfleisch. Darauf habe ich mich in Erinnerung meines letzten Stopps in Hrauneyjar im Winter 2008 den ganzen Tag gefreut. Leider schaffen wir nicht annähernd so viel zu essen und zu trinken, wie wir uns vorgenommen hatten. Stephan verabschiedet sich gleich nach der Hauptspeise. Trotzig trinke ich noch ein Bier und esse Kuchen, ehe ich todmüde ins Bett falle.


Wir sind uns zunächst nicht ganz schlüssig, wo wir unsere Tour beenden sollen: Landmannalaugar oder Südküste? Da wir aber möglichst schon am Abend in Reykjavík sein wollen, entscheiden wir uns dafür, den Bus von Landmannalaugar nach Reykjavík in Hella abzupassen. Das rundet die Tour auch auf schöne Weise ab: Von der Nordküste zur Südküste durch das Hochland.
Die etwa 80 km von Hrauneyjar nach Hella sind unspektakulär: Asphalt und Piste wechseln sich ab, wir haben kräftigen Gegenwind, Lupinen blühen am Wegrand, im Hintergrund der Vulkan Hekla, mal mehr, mal weniger in den Wolken. Wir pausieren in Leirubakki und erreichen gegen 16 Uhr Hella.