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1. Tag: In der S-Bahn auf dem Weg zum Münchner Flughafen fällt mir ein Paar auf mit einem riesigen Northface Reisesack. "Die fahren auch nach Island", sage ich zu Sabine, "aber viel Wandern können sie nicht mit diesem Teil." Tatsächlich sehen wir sie beim einchecken wieder und nach der Ankunft in Keflavík steht er beim Geld wechseln schon wieder vor mir. Zu allem Überfluss spricht er mit der Kassiererin auch noch isländisch, was mich irgendwie irritiert. Danach verliere ich sie aus den Augen. Als Sabine und ich nach Reykjavík fahren wollen, müssen wir feststellen, dass der Bus nicht fährt: Streik, und das in Island! Also teilen wir uns mit anderen ein Taxi, 2500 Kronen pro Person, etwa 50 DM. Es ist ungefähr Mitternacht Ortszeit als wir in Reykjavík ankommen und wir gehen gleich ins Bett.


2. Tag: Herrliches Wetter. Wir vervollständigen unsere Ausrüstung, vor allem Müesli und Nüsse, und machen uns am Nachmittag auf zum Stadtflughafen Reykjavík: Von hier geht um 4 das Flugzeug nach Ísafjörður. Dort gelandet gehen wir zielstrebig ins Sommerhotel, einer Schule, in der man sich im Sommer zu vertretbaren Preisen einmieten kann. Für die Harten gibt es vor dem Haus auch noch einen Campingplatz, aber Sabine und ich sind der Ansicht, dass in den nächsten Wochen noch genug gezeltet wird. Immerhin werfen wir vor der Schule unseren Trangia an, um ein Süppchen zu kochen. Als wir grade vor uns hin löffeln kommen sie wie selbstverständlich um die Ecke, offenbar mit dem nächsten Flieger gelandet: Die Beiden aus der S-Bahn. Ihren Megasack kann ich nicht entdecken. Stattdessen tragen sie Rucksäcke und Zelt, offenbar für eine größere Tour gerüstet. Wir grüßen uns endlich, nachdem wir uns praktisch nicht mehr ignorieren können; sie heißen Doris und Stefan. Sie stellen ihr Zelt auf, ohne Not, offenbar aus Überzeugung und fangen an sich auszubreiten. Sie haben wirklich Großes vor.


3. Tag: Es ist neblig und noch eine ganze Weile hin, bis das Boot mittags nach Hesteyri fährt. Wir holen unsere reservierten Tickets bei Westtours am Hafen ab, deponieren dort unsere schweren Rucksäcke und gehen ins Zentrum von Ísafjörður, im Wesentlichen bestehend aus der "Gamla Bakarí" wo es Gebäck und Kaffee gibt. Wir essen, trinken Kaffee, lesen, der Nebel lichtet sich, die Sonne scheint. Irgendwann gesellen sich Doris und Stefan zu uns auf den Platz, warten auch aufs Boot. Sie wollen auch nach Hesteyri und wie wir weiter nach Reykjafjörður, planen sogar - anders als wir - bis Gjögur zu gehen. Als das Stefan später Kitty, der Frau vom Boot, erzählt - natürlich auf isländisch - scheint sie zwischen Fassungslosigkeit und Bewunderung hin und her gerissen. Die Überfahrt nach Hesteyri dauert etwa 1 h, das Meer ist ruhig, aber Doris steht trotzdem immer ganz hinten nahe der Reling, stets bereit sich zu übergeben. In Hesteyri werden wir mit einem Beiboot an Land gesetzt. Es gibt einige Sommerhäuser hier und die Isländer, die sich dort einquartieren schaffen den nötigen Vorrat an Bier an Land - rein rechnerisch gesehen ein Vermögen. Sabine und ich schließen uns Doris und Stefan an, gehen zur Wiese, die als Zeltplatz vorgesehen ist und wandern heute nicht mehr weiter. Außer uns 4 ist niemand da. Gleich hinterm Zeltplatz liegt der Friedhof, die jüngsten Gräber datieren von Anfang der Sechziger, danach wurde die Siedlung unerklärlicherweise aufgegeben. Wir gehen durch ein Meer von Blumen, deren Namen ich nicht kenne, spazieren und genießen die Nachmittagssonne.
Später versuchen Stefan und ich zu erkennen, wo der Weg hinauf zum Kjaransvíkurskarð verläuft: Offenbar hat es im Frühjahr stark geschneit, denn schon wenig oberhalb der Ortschaft liegt jede Menge Altschnee. Der normale Weg führt zunächst steil bergan auf einen Absatz, der auf halber Höhe dem Fjord folgt, ehe es über den Pass geht. Stefan und ich sind uns einig, dass wir morgen nur auf Umwegen den Absatz erreichen.
Der Tag vergeht in strahlendem Sonnenschein bei 1024 mbar Luftdruck - stabiles Hoch.


4. Tag: Fast gleichzeitig stürzen Stefan und ich gegen 7 aus den Zelten, schweissgebadet. Die Morgensonne knallt auf die Zelte und heizt sie auf 30 Grad auf. Sabine und ich essen unser übliches Milchpulver/Müesli-Gemisch mit reichlich Wasser, und haben gerade begonnen zusammenzupacken als Doris und Stefan schon aufbrechen. Ist auch gut so, man will sich ja nicht in die Quere kommen, schließlich kommt man nicht nach Hornstrandir der Gesellschaft wegen. Eine knappe 1/2 h später sind auch wir so weit. Es braucht eine Zeit, bis ich mich an den Rucksack gewöhne, der am Anfang mit knapp 30 kg natürlich am schwersten ist. Noch halb im "Ort" kommt die erste Furt, nichts spektakuläres, aber die Schuhe muss man doch ausziehen. Drüben sehen wir Doris und Stefan den Anstieg etwa so angehen, wie wir uns das gestern ausgedacht haben. Dann verlieren wir sie aus den Augen. Nach etwa einer Stunde erreichen wir das Plateau und treffen an einem Steinmann die Beiden wieder. Es wird klar, dass es ziemlich albern ist, sich aus dem Weg zu gehen und auch nicht erforderlich. Zwar verlieren wir uns zwischenzeitlich, aber kurz vor dem Kjaransvíkurskarð treffen wir uns wieder. Der Pass ist stark verschneit und wir müssen uns unseren Weg wie schon unten selbst suchen. Es ist wunderschön, auf gut 400 m haben wir das Gefühl, im Hochgebirge zu gehen. Der Abstieg ist sehr steil, wir treffen ein isländisches Paar, die ersten Menschen heute. Sie kommen von Hrafnsfjörður und wollen nach Hesteyri, eine gängige Route, da Kittys Boot auch Hrafnsfjörður regelmäßig anläuft. Etwa einen Kilometer vor der Notschutzhütte in Hlöðuvík zelten wir am Strand. Wir genießen die Nachmittagssonne, vor allem Sabine, die sich's in der windgeschützten Apside gemütlich macht. Sogar ein Polarfuchs huscht vorbei. Ich bade im nahegelegenen Bach, was allerdings nur einige Sekunden auszuhalten ist, ohne bleibende Schäden davonzutragen. Die Sonne senkt sich langsam, sehr langsam zum Horizont. Da der Strand von uns aus gesehen im Norden liegt, sollte sie irgendwann im Meer versinken. Aber wann? Erstmals auf dieser Tour können wir unseren Frauen den Nutzen eines GPS demonstrieren: Es verrät uns den Sonnenuntergang um 20 nach Eins. 20 min später wird sie wieder aufgehen. Wir stellen die Wecker und stehen tatsächlich kurz nach Eins auf, um uns gemeinsam den Sonnenuntergang anzusehen.


5. Tag: Schon kurz nach der Notschutzhütte geht es seht steil durch einen Talkessel bergan. Der Weg mündet auf eine Art Hochebene, die sich bis zum Atlaskarð hinüber zieht. Wir warten auf Doris und Stefan, wobei ich wie immer meine Erdnüsse knabbere. Das begründet den Mythos der "Powernüsse". Als sich alle wieder erholt haben, gehen wir weiter zum Pass, wo man aus irgendwelchen Gründen, die ich vergessen habe, Steine auf einen Steinhaufen werfen muss, was wir auch brav tun. Beim Abstieg nach Rekavík tun wir uns schwer ein trockenes Plätzchen für die Mittagspause zu finden. Man hat einen herrlichen Blick auf den gegenüberliegenden Hornbjarg. Erste Nebel ziehen auf und als wir an der Notschutzhütte vorbei den Zeltplatz in Hornvík erreichen ist es schon sehr neblig. Wir haben den ganzen Tag niemanden getroffen und sind jetzt richtig entsetzt, dass außer uns noch andere hier zelten. Es sind Isländer, die mit dem Boot in die Bucht kommen und ein paar Tage bleiben, keine Wanderer.


6. Tag: Das Wetter ist schlechter geworden, es ist kalt, windig, die Berge in den Wolken, obwohl das Barometer immer noch um die 1020 mbar anzeigt. Nach etwa 40 min ist der Mündungsbereich des Zusammenflusses einiger Bäche aus dem Hinterland zu furten. Er ist recht tief: Stefan versucht es und ist schon nach wenigen Metern bis zu den Oberschenkeln im Wasser. Es hilft nichts, wir müssen weiter flussaufwärts, was ein Umweg ist, da wir nicht direkt über den Kýrskarð zum Leuchtturm von Hornbjargsvíti wollen, sondern bis zum Horn von Hornbjarg über den Miðfell und den Almenningaskarð zum Leuchtturm. Etwa 1 km weiter flussaufwärts finden wir einen breiten Übergang, der erstmals dazu zwingt, die Hosen auszuziehen, was die Bezeichnung Unterhosenfurt rechtfertigt. Danach geht es die Küste entlang nach Norden, ehe der Weg kurz vor der Spitze der Halbinsel steil ansteigt. Oben ist es sehr neblig, kalt und windig. Wir haben Hunger, aber es ist fast unmöglich ein windgeschütztes Plätzchen zu finden: Es gibt nur kleine Senken und Gestrüpp, das kaum Schutz bietet. Wir verbarrikadieren uns schließlich in einem dieser Löcher hinter unseren Rucksäcken. Die Landschaft um uns herum liegt im Nebel, die Stimmung sinkt mit der Temperatur. Erstmals wird klar, wie ungemütlich es hier sein kann, nachdem wir die letzten Tage unglaubliches Glück hatten. Aber noch während wir zusehends stiller werden, reisst hier und da der Nebel etwas auf, der Anstieg zum Miðfell lässt sich erahnen und vereinzelt scheint sogar die Sonne auf die Wiesenblumen und lässt sie leuchten. Schlagartig bessert sich unsere Stimmung, wir wollen weiter, sind wieder begeistert und unternehmungslustig. Der Anstieg zum Miðfell ist sehr steil und ausgesetzt und angesichts des feuchten Bodens nicht ungefährlich. Von oben bietet sich der klassische Blick auf den Hornbjarg, tausendmal fotografiert, natürlich auch von uns. Es ist jetzt richtig schön, kalt zwar und vereinzelte Nebelschwaden ziehen umher, aber sonnig bei klarer Sicht. Der Weg führt nun direkt an den Klippen des Hornbjarg entlang: wir pausieren wieder und beobachten die Unmengen Vögel in den Felsen. Es ist herrlich. Auf dem weiteren Weg zum Almenningaskarð werden wir einige Zeit von einem Polarfuchs begleitet, der regelrecht mit uns zu spielen scheint: Mal versteckt er sich hinter einem Stein, nur der Kopf schaut hervor, dann läuft er in sicherer Entfernung neben uns her oder ein wenig voraus. Es ist schon ziemlich spät, als wir den Pass erreichen, wo es wieder sehr kalt und windig ist. Bis Hornbjargsvíti geht es noch etwa 1 h gleichmäßig bergab. Wir sind todmüde als wir etwa um 7 unsere Zelte aufstellen. Außer uns ist noch ein Paar aus Belgien da. Mit über 16 km und anspruchsvollem Profil war dies unsere bisher längste und schwerste, aber auch eindrucksvollste Etappe.


7. Tag: Meine Uhr, die ich als Wetterstation an die Wäscheleine unterm Zeltdach hänge (was übrigens nur im Sommer funktioniert, im Winter macht sofort die Batterie schlapp), zeigt 1016 mbar. Nicht mehr so gut wie in Hesteyri, könnte aber schlechter sein (die niedrigsten Werte, die wir später bei miserablem Wetter ebenfalls auf Meereshöhe hatten, lagen bei 1005 mbar). Dementsprechend mittelprächtig ist das Wetter. Die Etappe führt heute nach Barðsvík, parallel zur Küste. Das bedeutet nicht, dass sie flach verlaufen würde: Immer wieder geht es von einem Tal mäßig steil bergan und dann wieder ebenso gemäßigt bergab ins nächste Tal, das etwa so aussieht wie das letzte, nämlich grün. Nach der spektakulären Etappe gestern kommt uns das sehr eintönig vor. Wir schauen immer wieder aufs GPS, um zu erfahren wie weit es noch ist bis Barðsvík, aber die Kilometerangaben, obwohl zuverlässig, sagen wenig darüber, wie lange es noch dauern wird. Endlich erreichen wir das weite Tal von Barðsvík und zelten oberhalb des Talgrunds mit Blick auf ein paar verstreut liegende Zelte anderer Wanderer und den ersten Anstieg des morgigen Tages hinauf zum Göngumannaskarð. Endlich wieder ein richtiger Pass.


8. Tag: Doris und Stefan starten eine knappe Stunde vor uns, weil sie glauben uns am Anstieg zum Göngumannaskarð zu sehr zu bremsen und überhaupt sowieso immer vor uns fertig sind mit Packen. Tatsächlich ist der Anstieg sehr steil aber nach dem gestrigen Mittelmaß ein vielversprechender Auftakt. Es nieselt und ist kalt, oben auch sehr windig. Wir erreichen den Pass praktisch gleichzeitig mit Doris und Stefan, wechseln schnell Kleider, um nicht völlig auszukühlen, und essen ein paar Nüsse.
Es ist Donnerstag und wir werden voraussichtlich morgen in Reykjafjörður ankommen. Sabine und ich hatten uns im Vorfeld erkundigt, wie wir von Reykjafjörður weiter nach Gjögur oder Djúpavík kommen würden. Wie schon erwähnt gab uns Westtours die Auskunft, auf dieser Strecke verkehre regelmäßig montags und donnerstags das Boot von Óskar Kristinsson. Wir werden also drei Tage zu früh in Reykjafjörður sein und spielen nun mit dem Gedanken, einen Umweg über Hrafnsfjörður zu gehen. Allein der Blick von hier oben hinüber zum schneebedeckten und nebelverhangenen Pass nach Hrafnsfjörður ist derart abschreckend, dass wir den Gedanken da hinüberzugehen gleich wieder verwerfen.
Stattdessen gehen wir hinab nach Bolungavík, einer Bucht, deren fast weißer Sandstrand einen wunderschönen Kontrast zum grünblauen Meer und dem wolkenverhangenen Himmel abgibt. Gegen 11 erreichen wir die Hütte in Bolungavík, die erste Stelle seit unserem Aufbruch in Hesteyri, wo wenigstens in den Sommermonaten permanent jemand lebt. 5 bis 10 Wanderer lungern schon untätig vor der Hütte und warten auf Ebbe, da der Weg über Drangsnes nach Furufjörður bei Flut überspült ist. Wir gehen rein, um uns zu erkundigen, wann wir weitergehen können. Die Bewohnerin bietet uns sofort Kaffee an und sagt uns, dass es um 2 Uhr so weit sein wird. Sie und ihr Mann, der weiter unten an einer Unterkunft für die wachsende Anzahl von Touristen - v.a. Isländer - baut, sind hier geboren, was kaum vorstellbar ist. Wir verbringen die nächsten drei Stunden im Windschatten des Häuschens essend, schlafend, lesend oder einfach so; sogar die Sonne lässt sich zuweilen blicken.
Gegen 2 brechen wir auf; der Weg führt über grobes Gestein direkt am Wasser lang. Nach etwa zwei Stunden erreichen wir die Notschutzhütte in Furufjörður, wo bereits einige Zelte stehen. Wir bleiben auch da.


9. Tag: Furufjörður soll einmal ein blühendes Örtchen gewesen sein, ein Umschlagplatz für Treibholz. Die Bauern der Umgebung sind also wahrscheinlich über mehrere Tage hinweg angereist und wenn sie dabei nicht erfroren oder ertrunken sind, haben sie sich einen neuen Dachstuhl besorgt. Heute ist niemand mehr in Furufjörður. Es gibt noch eine romantische, kleine, alte Kirche, welche die morbide Stimmung einer Geisterstadt unterstreicht. Ein neues Haus, das eher in die Schweizer Alpen passen würde als in dieses ausgestorbene Tal, steht gerade leer. Die Berge sind fast bis unten nebelverhangen. Wir verlassen Furufjörður über den Fluss und folgen einem Reitweg Richtung Svartaskarð. Es wird so neblig, dass es schwer ist, sich zu orientieren, da der Pfad sich verliert und der Pass nicht zu sehen ist. Wir kontrollieren regelmäßig die Richtung mit dem GPS. Ich kann dieses Gerät nur wärmstens empfehlen, es wird später auf dem Weg nach Djúpavík noch einmal sehr, sehr nützlich sein. Endlich sehen wir den Pass, der Nebel lichtet sich auch etwas, die letzten Meter gehen ziemlich steil über Schneefelder bergauf. Oben haben wir zum ersten Mal den Blick frei auf den Drangajökull. Der Abstieg führt in ein grünes, sumpfiges Tal. Wir finden trotzdem einen gemütlichen Platz für die Mittagspause und genießen die Sonne, die mittlerweile den Nebel weitgehend verdrängt hat. Im Talgrund ist ein kleiner Fluss zu furten, ehe es auf die Hochebene hinaufgeht, auf deren anderer Seite Reykjafjörður liegt. Der Weg über die Hochebene ist sehr schön, zieht sich aber bis Reykjafjörður schier endlos.
Reykjafjörður ist ein Örtchen, dessen zwei oder drei Wohnhäuser im Sommer tatsächlich bewoht sind, wo es einen Hafen, einen Laden, bestehend im wesentlichen aus einem Pappkarton und einem geheimen Vorrat an Starkbier, und vor allem ein Schwimmbad gibt. Vom Laden sollte man sich nicht zu viel erwarten, es gibt v.a. Süßigkeiten, insbesondere geniale schwarze Kochschokolade. Stefan schafft es dank seiner Sprachkenntnisse, uns einige Dosen Bier zu organisieren: Eine ältere Frau führt uns augenzwinkernd zu einem abseits stehenden Schuppen und zieht 4 Dosen hervor, auf die sie sehr stolz zu sein scheint, weil es nicht das übliche Egils "Pilsener" (was in Island immer leichtes 2-prozentiges, also bezahlbares Bier bedeutet) ist, sondern sogar besonders stark (über 6% und kaum bezahlbar). Nach einem ersten Bad im Pool feiern wir damit unsere gemeinsame Reise, die für Sabine und mich eigentlich hier enden sollte.


10. Tag: Ruhetag, auch für Doris und Stefan, die ja noch weiter nach Gjögur wollen. In den letzten Tagen beobachtete Stefan schon immer besorgt seinen Benzinverbrauch. Er hatte 1 Liter für seinen Whisperlight mitgenommen und der neigte sich langsam dem Ende zu. Ich hatte 2 Liter Spiritus für unseren Trangia dabei, die auf jeden Fall genügen würden. Wir versuchen deshalb ab jetzt möglichst viel über den Trangia abzufackeln.
Es ist neblig, aber eigentlich ein schöner Tag. Später wird sich die Sonne überall durchsetzen, zur Zeit hängt der Nebel noch in der Nähe des Hafens, wo auch der Zeltplatz liegt. Nach dem Frühstück machen wir uns wieder auf zum Schwimmbad, eine Betonschüssel, die ein Bauer in den dreißiger Jahren gebaut hat, aus welchen Gründen auch immer. Wahrscheinlich schreit das schiere Vorhandensein heisser Quellen nach einem Pool, oder es ist der Ehrgeiz endlich das nördlichste Freibad zu bauen. Jedenfalls ist es herrlich sich dort einfach nur auf Matten oder Gummischläuchen treiben zu lassen. Wir haben Glück, sind alleine im Becken, ehe eine Gruppe Isländer kommt, die offenbar mit einem Boot angekommen sind.
Es ist wunderschön und Sabine und ich haben überhaupt keine Lust, die Wanderung hier abzubrechen. Wir erfahren im Laden, dass Óskar in Drangar, ein Tagesmarsch von hier, wohnt, was den Gedanken nahelegt bis dorthin mit Doris und Stefan weiterzugehen. Das schont auch deren Benzinvorrat. Dieselbe Frau, die uns schon das Bier besorgt hat, ruft für uns in Drangar an, um abzuklären, ob es möglich ist, dass wir dort ins Boot steigen. Óskar erreicht sie nicht, aber dessen Schwester versichert angeblich, dass das kein Problem sei. Wir werden also weitergehen.


11. Tag: Es ist Sonntag, also reicht es, wenn wir morgen in Drangar ankommen. Wir werden einfach so weit gehen, wie wir Lust haben. Ab Reykjafjörður verlässt man die gängigen Hornstrandir-Routen, es gibt deshalb auch keine "natürlichen" Etappenziele mehr. Menschen wird man jetzt mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht mehr treffen, wenn man einmal vom Hof in Drangar absieht. Wie immer geht es erst mal hoch, diesmal auf eine steinige, karge Hochebene, die Fossdalsheiði, ganz anders als die saftig grünen Wiesen weiter im Norden. Eine hochalpine Gletscherlandschaft, immer wieder haben wir wunderschöne Ausblicke auf den Drangajökull. Es ist sonnig, aber ziemlich windig und kalt. Oben verschanzen wir uns hinter Felsbrocken, genießen die Sonne und Nüsse, ehe es weiter geht über die Hochebene Richtung Bjarnarfjörður. Der Abstieg hinab in den Fjord ist sehr steil und oft nicht leicht zu finden. Von oben sieht man schon, dass unten der Gletscherfluss gefurtet werden muss. Das kann je nach Wasserstand schwierig werden. Der Weg flussaufwärts bringt nicht viel, da dort Wasserfälle den Übergang unmöglich machen; man muss sich also irgendwie durchs Delta mogeln. Da es in den letzten Wochen wenig geregnet hat, haben wir keine Probleme. Trotzdem gilt, dass es auch bei günstigen Bedingungen eine Unterhosenfurt ist. Auf der anderen Seite geht es den Fjord entlang. Wir sehen zum ersten Mal auf dieser Reise Robben, sogar ziemlich viele. Leider ist auf den meisten Fotos nichts davon zu erkennen. Wir gehen noch bis zum Meyjardalur, dem wir folgen müssten, wenn wir planten, den Drangajökull zu umrunden. Stattdessen campen wir hier, in der Ferne können wir schon den Hof Drangar erkennen.
Inzwischen zeichnet sich ab, dass all unsere Bemühungen, Benzin zu sparen, vergeblich sein werden und Stefan und Doris machen sich mit dem Gedanken vertraut, ebenfalls mit dem Boot nach Gjögur zu fahren. Stefan spricht zwar resigniert von einem Planungsfehler und gibt sich locker ins Schicksal ergeben, aber man merkt wie es ihn wurmt. Bei Doris merkt man das nicht so deutlich.


12. Tag: Am Morgen lassen wir uns Zeit, da Óskar ja erst abends fährt. Es dauert nicht einmal eine Stunde, bis wir gegen Mittag am Hof eintreffen. Von weitem sieht das Wohnhaus ganz ansehnlich aus, als wir näherkommen stellen wir fest, dass der erste Eindruck trügt. Menschen sind nicht zu sehen, statt dessen kommen uns äußerst agressiv wirkende Hunde entgegen. Kurz danach taucht ein Mann im Eingang auf, beruhigt die Hunde und schaut uns fragend an. Stefan erklärt ihm die Situation: Wir sind die Gruppe, die heute mit Óskar nach Gjögur fährt. Er ruft ins Haus und heraus tritt offenbar Óskar, der uns trocken mitteilt: "No boat". Wir schauen ihn verständnislos an - wie, "no boat"? -, worauf er hinzufügt: "Come in and have a cup of coffee", sich umdreht und im Haus verschwindet. Wir folgen ihm.
Drinnen gehen wir durch einen dunklen, kalten, feuchten Flur über rohen Steinboden oder festgetretenen Lehm in die gemütlich warme Wohnküche, wo ein Teil der Familie versammelt ist: Die älteste Generation ist etwa 80 und bewirtschaftete den Hof bis in die 60er Jahre; seitdem kommt man nur noch in den Sommermonaten, um Eiderdaunen zu sammeln und bei Bedarf ein paar Touristen mit dem Boot zu transportieren. Die nächste Generation sind Óskar, sein Bruder, der uns empfangen hat, und seine Schwester. Schließlich gehen noch deren Kinder ein und aus. Auf dem Herd steht immer ein Topf heissen Wassers, auf dem Tisch eine volle Thermosflasche Kaffee und eine Schüssel mit Hefegebäck (Kleinur). Wir werden sehr freundlich bewirtet, erfahren eine Menge über die Kunst des Eiderdaunensammelns - wobei den Enten übrigens nichts geschieht, im Gegenteil, man baut ihnen sogar die Nester, eine Art kostenloser Service -, wissen aber leider immer noch nicht, wie wir nach Gjögur kommen. Das Thema ist jetzt erst mal vom Tisch. Schließlich bringen wir unser Anliegen doch wieder zur Sprache und zeigen Óskar den Prospekt, in dem sein Bootservice beschrieben ist. Das sieht er zum ersten Mal und ist so zornig auf die in Ísafjörður, dass er erst mal telefonieren geht. In der Zwischenzeit erfahren wir, dass die Brüder morgen nach Ingólfsfjörður fahren, wenn wir wollen können wir mit. Sie zeigen uns einen Platz, wo wir zelten können und ihren privaten Pool, wo wir nach der Aufregung "relaxen" dürfen. Doris sieht offenbar besonders mitgenommen aus und bekommt von der Oma sogar ein paar warme Wollsocken geschenkt.


13. Tag: Gegen 10 warten wir an der Anlegestelle, dass es losgeht. Ein paar tote Robben liegen rum. Die Brüder und eins der Kinder kommen und wir werden samt Gepäck einer nach dem andern in einem Schlauchboot aufs Schiff gebracht. Es ist bewölkt, kühl und sieht so aus, als könne es jederzeit zu regnen anfangen. Auf der Fahrt nach Ingólfsfjörður haben Doris und Stefan nochmal Gelegenheit, den Weg anzuschauen, den sie gegangen wären, wenn das Benzin gereicht hätte: Es ist ein recht eintöniger Küstenabschnitt und insofern ist die Niederlage zu verschmerzen. Die Beiden werden nachher weiter nach Krossnes gehen, auch so ein Schwimmbad am Ende der Welt. Sabine und ich werden versuchen über die Berge nach Djúpavík zu gehen, wo es zwar weglos ist, was die Isländer - wie uns Óskars Bruder versichert - "in the old times" aber auch schafften. Nach der Ankunft in Ingólfsfjörður werden wir noch mit dem Jeep bis ans Fjordende gefahren, wo wir uns trennen: Doris und Stefan werden wir ein paar Tage später auf dem Flug von Gjögur nach Reykjavík wieder treffen.
Sabine und ich machen uns auf den Weg hinüber nach Djúpavík. Inzwischen regnet es. Oben kommen wir auf eine Art Hochebene, die nicht wirklich eben ist: Vielmehr sind es kleine, wenig markante Hügel, die die Orientierung sehr erschweren, da sie keinen Bezugspunkt zur Karte abgeben. Das GPS ist jetzt ungemein nützlich, ich orientiere mich nur noch nach den Koordinaten, die ich am Vorabend anhand der 1:100000 Atlaskarte zu ermitteln versucht habe. Das funktioniert sehr gut, der angepeilte Punkt liegt nur etwa 100 m daneben, was bei den insgesamt akzeptablen Sichtverhältnissen aber nicht tragisch ist. Es ist sehr nass, kalt und windig am Pass, so dass wir uns auf das gemütliche Hotel in Djúpavík freuen. Wir erreichen es nach ein paar Stunden und werden hier die Tage bis zum Rückflug nach Reykjavík mit Kuchen essen, Lesen und ersten Versuchen in "Seakajaking" verbringen. Der passende Abschluss einer wundervollen Tour.