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Laugavegurinn 2000

Der "Laugavegur"-Ultramarathon folgt der bekannten Wanderroute im Süden Islands von Landmannalaugar nach Þórsmörk. Für die ca. 55 km rechnet man normalerweise 4 Tage. Die Bestzeit liegt deutlich unter 5 Stunden.

Nachdem das Wetter im Vorjahr unglaublich gut gewesen war, zeichnete sich in diesem Jahr ab, dass sich das nicht wiederholen würde. Die folgende Wettervorhersage war typisch in den Tagen vor dem Lauf: "The weather outlook until tomorrow afternoon: South 8 to 13 metres per second and drizzle or rain, but cloudy and mostly dry in the northeast. Temperature mostly 10 to 15 deg C. but around twenty in the northeast in the afternoon." (Icelandic meteorological office, 21.7.00.) Meist gab es "rain", weniger "drizzle".

22.7.00, Reykjavík: Um 4:30 Uhr fährt der Bus mit den Läufern von Reykjavík Laugardalur nach Landmannalaugar. Der Lauf ist eine ziemlich familiäre Veranstaltung: Die 78 Starter und Starterinnen passen in einen Bus. Das Wetter ist wie vorhergesagt: Regnerisch und windig.
Die Fahrt nach Landmannalaugar dauert etwa 3 1/2 Stunden. Wenn man das Glück hat bei nachlassendem Regen etwas zu sehen, bietet sich längs der Hochlandpiste ein phantastischer Anblick: Rund um den Vulkan Hekla sind die Schneefelder noch schwarz bedeckt von der Lava des letzten Ausbruchs.

Beim Start um 9:00 Uhr in Landmannlaugar (600 m) ist es fast trocken. Ich habe lange Tights angezogen, ein langärmliges Laufhemd und einen leichten, aber wind- und wasserdichten Anorak. Das wird sich als sehr zweckmäßig erwiesen. Gleich nach dem Start geht es steil ein Lavafeld hinauf und schon nach 10 Minuten ist das Feld sehr lang gezogen. Ich bemühe mich Anschluss an eine kleine Gruppe zu finden, da uns vor dem Start empfohlen wurde, den Hrafntinnusker nicht alleine zu überqueren: Im Nebel verliert man auf den ausgedehnten Schneefeldern leicht den Weg. Auf halber Höhe fängt es stark zu regnen an, der Wind bläst mir orkanartig entgegen und bläht meinen Anorak auf. Wie vorhergesagt. Es geht jetzt kilometerweit über Schneefelder bergan, auf denen knöcheltief Regenwasser und Sulz steht. Nach ein paar naiven und erfolglosen Versuchen diese Stellen zu umlaufen, finde ich mich mit den nassen Schuhen und Füßen ab. Vor dem Lauf hatte ich mir allerlei Gedanken über das Furten der Gletscherflüsse gemacht: Kann man mit nassen Schuhen noch 20 oder 30 km laufen? Jetzt zeigt sich, dass diese Sorgen überflüssig waren: Ich bin schon vor der ersten Furt durchnässt und habe noch über 40 km vor mir.

Kurz nach dem Hrafntinnusker (km 10, 1050 m) hört der Regen auf, der Nebel reißt auf und es bietet sich ein einmaliger Blick über den weiteren Streckenverlauf: Die nächsten Kilometer brodelt es und dampft und stinkt nach Schwefel; danach tief unten der Álftavatn, dann eine Wüste aus Lavagranulat vor den Ausläufern des Myrdalsjökull. Dieser Anblick stimmt mich völlig euphorisch und setzt alle verfügbaren Glückshormone frei. Es geht weiter über schlammigen, aufgeweichten Untergrund ehe der Weg steil abfällt zum Álftavatn. Unten angekommen laufe ich weiter durch sumpfige Wiesen.

Am Álftavatn (km 24, 650 m) lasse ich meinen Anorak am Versorgungspunkt zurück in der Hoffnung, dass das Wetter hält. Es hält. In Hvannagil feuern mich Zuschauer an, nicht gerade Massen, aber das ist auch nicht so wichtig. Kurz danach bei km 30 ist der größte Gletscherfluss zu furten: Ich wate einfach durch ohne viel zu überlegen und muss am andern Ufer die Schuhe ausleeren, um die vielen Steinchen, die es während des Furtens hineinspült, wieder loszuwerden. Danach fängt die Wüste an, die Landschaft wird eintöniger und ich merke zum ersten Mal, dass ich müde werde. Seit einiger Zeit laufe ich völlig allein: Vor und hinter mir weit und breit niemand zu sehen. Nach ein paar Kilometern fordert mich ein Streckenposten auf, den Pfad nach Þórsmörk zu verlassen und stattdessen einer Jeeppiste zu folgen. Ohne Begründung. Ich zweifle, aber mir bleibt sowieso nichts Anderes übrig. Etwa bei km 38 komme ich an eine Versorgungsstelle und erfahre, was los ist: Aufgrund der starken Regenfälle während der letzten Woche, kann der Bus uns nicht wie geplant in Þorsmörk abholen, da er die Flüsse nicht mehr furten kann. Das Ziel wurde verlegt: Wohin und wie weit es noch ist, erfahre ich nicht.

Nach ein paar Kilometern treffe ich auf ein paar frustrierte Läufer, die mit der Ungewissheit betreffend die weitere Streckenführung offenbar nicht leben können: "Anticlimax" - sie geben auf. Ich bin jetzt sehr müde und die Versuchung, ebenfalls aufzugeben ist groß. Nach einer kurzen Pause laufe ich trotzdem weiter. Irgendjemand murmelt, es seien noch 6 km. Woher weiß er das? Er weiß es nicht: Nach 45 Minuten ist kein Ziel in Sicht. Jeder Schritt tut weh. Die Piste besteht jetzt aus groben Steinen, so dass das Laufen sehr ermüdend, fast schmerzhaft ist. Von der Euphorie am Hrafntinnusker ist nichts mehr übrig. Ein Jeep kommt entgegen, aus dem uns eine Frau etwas Cola reicht. Wie weit es noch ist? 12 km. Ich kann es nicht fassen. Die nächsten Kilometer bin ich unendlich langsam. Irgendwann will ich nur noch ins Ziel und die Einsicht, dass das in meinem Schneckentempo noch ewig dauern wird, lässt mich wieder schneller laufen. Auf den letzen Kilometern fühle ich mich sogar wieder ganz gut, überhole einige Läufer und erreiche schließlich das Ziel nach 6:09 Stunden als Sechster, eine knappe Stunde nach dem Sieger. Alles in allem waren es ca. 57 Kilometer, ein wenig länger als die Originalstrecke, aber im zweiten Teil auch etwas langweiliger und weniger hügelig, da die letzten 20 km der Jeeppiste folgten.

Ich werde wiederkommen, um das Original zu laufen.