lomur.de
Startseite  Island  Neuseeland  Spitzbergen

Wanderungen auf der Südinsel 1999

Wir gingen die folgenden Wanderungen - so genannte "Tracks" - auf der neuseeländischen Südinsel im November 1999, also zu Beginn der "Sommersaison". Der Zeitpunkt war gut gewählt, da zu dieser Zeit wenig Touristen unterwegs sind. Dennoch sind die Tracks schon begehbar - sogar der "Dusky Track", zweifellos einer der schwierigsten und wahrscheinlich auch einer der schönsten. Dass wir uns auf die Südinsel beschränkten, hatte den einzigen Grund, dass es auf der Nordinsel permanent regnete, so dass wir unseren Plan aufgaben, den Tongariro Northern Circuit zu gehen.
Wir waren nur mit dem Bus oder eben zu Fuß unterwegs. Das ist praktisch, weil die meisten Tracks Streckenwanderungen sind und der Rückweg zum Ausgangspunkt sehr zeitaufwändig ist.
Ein sehr guter Wanderführer für Neuseeland ist der Lonely Planet "Tramping in New Zealand". Die Bezeichnungen der Örtlichkeiten im folgenden Text sind alle aus diesem Führer übernommen.


Abel Tasman Track

Abel Tasman Nach den Regentagen am Tongariro auf der Nordinsel, waren wir richtig heiß auf Sonne. Der Abel Tasman Track mit seiner Südseeatmosphäre war da der ideale Einstieg auf die Südinsel. Er führt immer an der Küste lang, ist sehr einfach zu gehen und recht stark frequentiert. Alternativ kann man diese Küste auch mit dem Kajak abfahren. Zwischen den riesigen Farnen zeigt sich fast immer weißer Sandstrand. In seiner ganzen Länge geht man den Abel Tasman Track von Marahau bis Wainui an fünf Tagen. Wir haben die Wanderung nach drei Tagen abgebrochen und sind von Awaroa Bay mit dem Boot zum Ausgangspunkt nach Marahau zurück gefahren. Das hatte mehrere Gründe: Erstens war ich erkältet, zweitens schien uns der Weg dann bei aller Schönheit doch etwas eintönig, so dass es eigentlich nicht sehr viel von der Strecke zu berichten gibt, und drittens hatten wir keinen Brennstoff: Ich weiß leider nie, was Spiritus auf Englisch heißt. Ich hab's schon wieder vergessen. Also bin ich in Auckland in ein Sportgeschäft, das auch Trangia-Kocher verkaufte und ließ mir "white spirit" als den richtigen Brennstoff andrehen. Der Effekt war beeindruckend. Zum Glück hatten wir gutes Wetter, so dass ich am ersten Abend draußen kochte. Es war eine lauschige Bucht, kein Campingplatz und wir waren die Einzigen. Die Stichflamme war so hoch, dass Sabine fürchtete, wir hätten den Farnwald in Brand gesetzt. Mein Zelt hätte das nicht überlebt. Warmes Essen und Tee waren gestrichen. Am nächsten Tag wanderten wir bis Bark Bay. Dort gab es Holz und eine Feuerstelle, so dass wir wenigstens am zweiten Tag noch eine warme Mahlzeit bekamen.
Im Nachhinein war ich froh, dass wir den Abel Tasman abkürzten, weil wir dadurch am Ende noch Zeit für die schönste Wanderung, den absoluten Höhepunkt unseres Neuseeland-Urlaubes, fanden: den Dusky-Track.
Seitenanfang

Heaphy Track

Heaphy River Nach der leichten und wie gesagt etwas langweiligen Abel-Tasman-Küstenwanderung freuten wir uns auf die Berge: Der Heaphy Track führt in vier Etappen im äußersten Nordwesten der Südinsel durchs Mittelgebirge zur Westküste.
Wir fuhren früh mit dem Bus von Motueka zu unserem Ausgangspunkt, der Brown Hut, südwestlich von Collingwood. Das Wetter war schlecht, in den Bergen zwischen Motueka und Takaka regnete es in Strömen und die Sicht war gleich Null. Auf dem Pass machte der Busfahrer eine kurze Pause, die wir nutzten, um in dem kleinen Café ofenfrische Muffins zu essen. Die Wirtin sah aus, als sei sie gerade von Woodstock zurückgekommen und buk großartige Muffins. Der Stopp lohnt sich.
An der Brown Hut angekommen hatte es zumindest aufgehört zu regnen. Außer uns starteten noch andere Wanderer, die wir in den nächsten Tagen jeden Abend (und nur dann!) wieder treffen sollten: Eine Gruppe von vier Neuseeländern, zwei Ehepaare um die fünfzig, ein wenig laut, aber sonst sehr nett; ein Amerikaner, auch nicht mehr ganz jung; eine neuseeländische Mutter mit ihrer Tochter und schließlich Elmar, Österreicher Anfang zwanzig, der die freie Zeit zwischen Zivildienst und Arbeit für einen mehrmonatigen Aufenthalt in Neuseeland nutzte. Wir sollten ihn in den nächsten Wochen immer wieder treffen und am Ende den Dusky Track zusammen gehen. Das sind zwar relativ viel Leute, aber immerhin ist der Heaphy auch einer der "Great Walks". Und wie gesagt: Tagsüber verlieren sich die Wanderer auf der Strecke, man ist für sich.
Die erste Etappe führt auf relativ breitem Weg ständig bergan zum Perry Saddle (ca. 900 m) durch einen dichten Wald, den man als Mitteleuropäer geneigt ist "Urwald" zu nennen. Es gehört überhaupt zu meinen stärksten Eindrücken in Neuseeland, dass hier jeder Wald urig erscheint. Nach etwa 800 Höhenmetern erreicht man die Perry-Saddle-Hut. Wir schlugen neben Elmar unser Zelt auf und waren froh, nicht in der Hütte übernachten zu müssen. Dort war es sehr laut und die Luft war schlecht.
Am nächsten Tag geht es durch eine Art Heidelandschaft eben oder leicht bergab weiter. Erholsam und ausgesprochen reizvoll. Etwa bei der Hälfte des Weges, kurz nach der Gouland-Downs-Hut, durchquert man einen märchenhaften Wald. Leider nur ein kurzes Stück. Der letzte Abschnitt führt durch sumpfiges Gebiet, allerdings komfortabel auf Holzplanken. Von der James-Mackay-Hütte konnte man im Abendlicht schon die Westküste sehen.
Der dritte Tag führt bergab in den Regenwald. An der Lewis-Hut ist der Talboden erreicht. Man würde sich über halbnackte Eingeborene nicht wundern. Die Landschaft am Heaphy-Fluss hat wirklich was vom brasilianischen Urwald, auch wenn ich den nicht kenne. Der Fluss selbst schlängelt sich faul dahin, an den Ufern dunkelgrüne, neblige Wälder. Für mich höchst eindrucksvoll und nach Mittelgebirge am ersten, Heide und Sumpf am zweiten, nun am dritten Tag die dritte, völlig neue Landschaft. Das Klima passte sich dem Eindruck an, es wurde schwül und goss schließlich aus Kübeln, so dass nicht mal mehr der geradezu tunnelartig verlaufende Weg durch den Urwald vor der Nässe schützte. Das Ziel dieses Tages, die Heaphy-Hütte liegt bereits an der Westküste. Trotz miserablen Wetters stellten wir unser Zelt auf, verbrachten aber den Abend in der Hütte: Um uns zu trocknen, und um den "Sandflies" zu entgehen, die hier zum ersten Mal so richtig lästig waren.
Die letzte Etappe zieht sich an der Westküste entlang durch den gleichen Regenwald, aber immer wieder mit Ausblicken auf den weißen Sandstrand und die Brandung. Bei strahlendem Sonnenschein gingen wir im Schatten der Bäume und hatten doch immer das Gefühl, eine Strandwanderung zu machen. Laut Sabine die Belohnung für drei Tage Schweiß und Mühe. Kurz vor dem Ziel hat man noch Gelegenheit sich an Scotts Beach zu tummeln und die Zeit bis zur Abfahrt des Buses zu verbringen. Baden empfiehlt sich wegen des starken Seegangs eher nicht. Im Ziel trifft man dann die ganzen glücklichen ("we made it!"), verschwitzen Wanderer mit denen man vier Tage zuvor startete und die man unterwegs kaum gesehen hat.
Fazit: Eine zwar nicht sehr anspruchsvolle, aber sehr schöne und abwechlungsreiche Streckenwanderung. Unbedingt empfehlenswert.


Routeburn Track

Routeburn Flats Wie schon erwähnt regnete es viel in Neuseeland Ende '99. Zwar hatten wir im Norden der Südinsel Glück gehabt, aber als wir nach Queenstown, dem El Dorado neuseeländischer Freizeitgestaltung (das Bungee-Jumpen wurde an einer Brücke unweit der Stadt erfunden) kamen, lag die halbe Innenstadt unter Wasser. Normalerweise fährt man mit dem Bus von Queenstown zum Ausgangspunkt des Routeburn Track; als wir das versuchten hatte es gerade die Straße weggespült, so dass wir gezwungen waren ein Stück des Wegs in Booten zurückzulegen.
Beim Start an der Routeburn Shelter war aber bestes Wetter. Die Landschaft ist ausgesprochen alpin. Es geht ein paar hundert Höhenmeter durch den Wald auf einem guten Bergweg hinauf. Dann kommt man auf die Routeburn Flats, ein wunderschön gelegenes Hochtal, eingerahmt von hohen, verschneiten Gipfeln. Hier gibt es eine Hütte und einen kleinen Camping-Platz, direkt am Wasser gelegen. Man könnte sich ohne weiteres vorstellen, hier einen ganzen Urlaub zu verbringen. Außer unserem gab es nur ein weiteres Zelt.
Am nächsten Morgen geht es zunächst ziemlich steil bergan zur Routeburn Falls Hütte. Das ist eine nagelneue, komfortable Unterkunft, die um diese Jahreszeit etwas überdimensioniert wirkte: Als wir ankamen, war sie völlig ausgestorben. In der Hochsaison ist das aber sicher anders. Die Hütte liegt genau an der Baumgrenze, danach geht es weiter durch eine typisch alpine Bergwelt: Es könnte auch das Berner Oberland sein, wenn es denn bewirtschaftete Berghütten, Seilbahnen und Skilifte gäbe. Am Harris Saddle wundert sich der Wanderer, woher auf einmal all die leute kommen: Es ist gerammelt voll, überwiegend Neuseeländer, viele Schulklassen anscheinend, jedenfalls haufenweise Jugendliche und Kinder. Wer Lust hat, kann hier noch einen Abstecher zum Conical Hill machen. Das dauert in Berglauf-Tempo etwa 15 Minuten. Der kleine Ausflug lohnt sich, weil man von oben einen schönen Blick ins Hollyford-Tal hat, wo ebenfalls ein bekannter Track langführt.
Unerklärlicherweise ist man bereits kurz nach dem Pass auf dem Weg zur Mackenzie Hut wieder allein. Es geht oberhalb des Hollyford-Tals den Hang entlang und am Ende der Etappe steil hinab zum Ziel. In der Nähe der Hütte gibt es mehrere kleine, einigermaßen ebene Lichtungen zwischen dem Gebüsch, auf die jeweils gerade ein Zelt passt.
Schon abends hatte sich der Himmel zugezogen. Am Morgen stand unser Zelt im Wasser. Die Rucksäcke in der Apside lagen in einer tiefen Lache. Es sprach wieder Mal für mein Hilleberg, dass wir im Innenzelt völlig trocken geblieben waren. Auch das Dach hielt dicht, trotz eines notdürftig geflickten Loches, das uns ein vagabundierender Kea am Fox-Gletscher mit seinen Krallen gerissen hatte. Der Flicken hält heute immer noch und der Stoff ist kein bisschen weiter ausgerissen. Es war nass und kalt. Als ich mich schließlich überwunden hatte rauszugehen, bot sich ein großartiger Anblick: Eine dünne Schneedecke auf dem Zelt, den Bäumen und vor allem dem Farn. Farn mit Schnee! Ich bewertete den Wetterumschwung sofort als großes Glück. Sabine konnte diese Auffassung nicht teilen.
Wir beeilten uns, die Ruck- und Schlafsäcke unter einen naheliegenden Unterstand zu bringen, um dann das total nasse Zelt abzubauen. Es war eiskalt, wir waren nass, klamm und schlecht durchblutet. Nach einem Blitzfrühstück im Stehen ging es weiter durch die winterlichen Farnwälder, vorbei an verschneiten Wasserfällen - wirklich ein großartiger Anblick. Nach einigen Stunden durch Kälte und Nässe erreichten wir gerade rechtzeitig zur Mittagsbrotzeit die Howden-Hütte, in der sich schon einige Wanderer aufhielten, um zu essen und sich aufzuwärmen. Anschließend ging es eher unspektakulär bergab zum Ende des Routeburn, "The Divide", einer Bushaltestelle mit Anschluss nach Te Anau.
Seitenanfang

Dusky Track

Seaforth River Im Lonely Planet "Tramping in New Zealand" werden die Wanderungen von "easy" bis "hard" qualifiziert. Der Dusky Track wird als "hard" geführt. Das stimmt. Ich kann mich an keine vergleichbar beschwerliche Streckenwanderung erinnern, egal ob in Island, Spitzbergen oder den Alpen. Erleichtert wird der Weg nur dadurch, dass es im Abstand von Tagesmärschen Hütten gibt, so dass einem das Zelten erspart bleibt. Es wäre übrigens auch gar nicht möglich zu zelten, da man dafür wenigstens drei oder vier Quadratmeter unbewachsenen, halbwegs trockenen Grund bräuchte.
Dass der Dusky "hard" ist, liegt zum einen an der Streckenführung: Durch manchmal fast unpassierbaren Urwald, durch Morast, der die Stiefel regelrecht einschlürft und über Berge in teilweise sehr steilen An- und Abstiegen. Mehr noch liegt es aber am unberechbaren Wetter. Ein Tag Regen lässt die Pegel der Flüsse derart ansteigen, dass man jederzeit damit rechnen muss, nur noch schwimmend weiterzukommen. Das ist nicht übertrieben. Der Wanderer kann sich in der Touristeninformation von Te Anau ein Bild davon machen: Es liegen eindrucksvolle Alben aus, die dergleichen belegen.
Auch uns hat man diese Alben gezeigt. Sie haben uns zwar nicht abgeschreckt, aber zumindest zur Vorsicht gemahnt. Erzählt wird etwa der Fall eines Mannes, der den Dusky alleine ging und nach anhaltendem Regen schließlich auf einem Baum endete, wo der die Antenne seines "Mountain Radio" aufspannte und um Hilfe rief. Nach einer Nacht im Baum wurde er per Hubschrauber gerettet, er überlebte nur Dank seines Funkgeräts. Wir mussten also nicht mehr lange überzeugt werden, uns ebenfalls ein Mountain Radio auszuleihen. Im Übrigen wurde der Dusky durch diese Bilder und Geschichten nur interessanter. Besonders reizvoll war, dass wir erst die zweiten in dieser Saison sein würden, die sich auf den Weg über den Dusky machten. Unser Entschluss stand also fest. Trotzdem waren wir erleichtert, als wir in Te Anau wieder einmal Elmar trafen. Wir mussten ihn nicht lange überreden, mit uns zu gehen.
Der Dusky Track hat etwa die Form einer Wünschelrute, so dass es mehrere Möglichkeiten gibt, ihn zu abzugehen: Die kürzeste führt in fünf Tagen vom Dusky Sound zum Lake Manapouri, der längere Zweig vom Lake Hauroko zum Lake Manapouri in sechs Tagen und die dritte Möglichkeit ist eine Kombination aus diesen beiden und dauert neun Tage. Alternative eins erfordert Transport mittels Flugzeug zum Dusky Sound; Alternative Zwei ist eine Kombination von Bus-, Auto- und Boottransfer. Wir entschieden uns für die Sechs-Tages-Variante.
Früh morgens stiegen wir in den Bus in Richtung Süden. Wo die Straße zum Lake Hauroko abzweigt wartete ein Wagen auf uns. Wie stiegen um, hängten unterwegs noch ein Boot an den Wagen und fuhren weiter zum See. Es dauerte eine Zeit bis das Boot zu Wasser gelassen war, aber dann folgte eine idyllische Fahrt über den Lake Hauroko. Der See sieht aus wie ein Fjord: Schmale, lange Arme, steile, bewaldete Ufer. Weit und breit kein Mensch, keine Siedlung, nicht mal ein Blockhaus, einfach nichts als Wald und Wasser. Es dauerte etwa 45 Minuten bis zum nördlichsten Punkt, wo der Dusky Track beginnt. Es gab keinen Bootssteg, so dass wir schon das erste Mal nasse Füße bekamen, als wir an Land gingen. Das war der passende Einstieg in den Dusky Track: Wir sollten uns in den nächsten Tagen noch an die nassen Füße gewöhnen.
Es war schon ein seltsames Gefühl, als unser Boot beidrehte und uns zurückließ. Wir kamen uns schon sehr alleine vor und sollten die nächsten sechs Tage auch niemanden mehr sehen. Nach mehreren Stunden mit Auto und Boot durch unbewohnte Gegend wurden wir an diesem gottverlassenen Ort ausgesetzt und wussten nicht recht, was uns erwartete. Wir gingen zunächst in die Hütte, um einen Happen zu essen und den Sandflies zu entkommen. Diese widerwärtigen Mücken gibt es ja auf ganz Neuseeland und wir hatten sie auch hie und da schon getroffen. Aber nirgends waren sie auch nur annähernd so nervtötend wie in den folgenden Tagen auf dem Dusky Track. Wir mussten uns bewegen oder in die Hütten flüchten, andernfalls krochen sie in jede sich bietende Öffnung: Ohren, Nase, Mund.
Unser Bootsführer hatte uns die erste Etappe als "easy" beschrieben, ohne größere Höhenunterschiede würden wir die Halfway Hut in höchstens sechs Stunden erreichen. Das stellte sich schon bald als falsch heraus, jedenfalls für uns. Die Strecke führt längs des Hauroko Burn durch den Urwald nach Norden. Das Gelände ist in der Tat meistens eben. Der Weg ist zwar gekennzeichnet, die Wegzeichen aber oft schwer zu entdecken und der Pfad manchmal fast vollständig überwuchert und daher kaum erkennbar. Im Gegensatz zum Routeburn oder Heaphy war hier nichts ausgeholzt. Wir waren vor allem damit beschäftigt, über glitschige Wurzeln und Baumstämme zu steigen und die zahllosen sumpfigen Stellen zu umgehen. Mit mäßigem Erfolg. In den nächsten Tagen würden wir diese lächerlichen Versuche einstellen und so etwas schneller voran kommen, aber am ersten Tag lebten wir noch in der Illusion, es sei möglich den Dusky Track halbwegs trockenen Fußes zu gehen. Landschaftlich war es natürlich schwer beeindruckend: Wann kommt man schon mal durch einen derart unwegsamen, dichten, nassen, schlammigen Urwald? Wir brauchten über acht Stunden für die erste Etappe. Abends heizten wir unseren "Klondike"-Kanonenofen ein und verbrachten eine ruhige Nacht, lediglich gestört durch das Rascheln der Mäuse. Sabine und ich waren vorsichtig genug, unseren gesamten Proviant an Schnüren, die eigens zu diesem Zweck gespannt waren, unters Dach zu hängen. Elmar hielt das nicht für nötig, mit dem Ergebnis, dass er am nächstren Morgen sein Müesli vom Tisch kehren konnte.
Am nächsten Tag ging es zunächst so weiter wie es am Vorabend aufgehört hatte: Im Schlamm durch den Urwald. Nach knapp vier Stunden verlässt man das Tal des Hauroko Burn und steigt auf zur Lake Roe Hut. Die ist auf der "Pleasant Range" gelegen, einer Bergkette gefällig wie das Berner Oberland: Man könnte glatt vergessen, dass unten im Tal der Urwald lauert. Tatsächlich kamen wir sofort besser voran, nachdem wir den Urwald verlassen hatten, trotz des steilen Anstiegs zur Lake Roe Hut. Wir erreichten die Hütte schon am frühen Nachmittag, was angesichts des prachtvollen Wetters Elmar und mich veranlasste, noch einen Ausflug ohne Rucksack auf die Pleasant Range zu machen und unter anderem einen Blick auf den Dusky Sound zu werfen. Der Ausflug lohnte sich: Am nächsten Tag sollten wir diesen Abschnitt bei Nieselregen und Nebel gehen.
An der Lake Roe Hut testeten wir erstmals unser Mountain Radio. Es war nicht gerade handlich. Die meterlangen Antennenkabel müssen möglichst hoch und weit auseinander in Bäume oder Sträucher eingehängt werden, um einen passablen Empfang zu haben. Wir hörten den Wetterbericht ab, so dass der Umschwung am nächsten Tag keine Überraschung mehr war.
Von der Lake Roe Hut ging es am dritten Tag zunächst über die Pleasant Range nach Westen. Das ist ein relativ steiler und beschwerlicher Anstieg, aber kein Vergleich zu dem ungleich steileren und beschwerlicheren Abstieg zum Loch Maree. Der ist ohne Seil überhaupt nur deshalb möglich, weil auf den Berghängen Fjordlands nur sehr dünn Erde liegt, so dass die Wurzeln der Bäume daraus hervorragen und als Steighilfen dienen. Trotzdem zog sich dieser Abstieg mit den schweren Rucksäcken über mehrere Stunden. Als wir schließlich den Unterstand dieseits des großen Walkwire über den Seaforth River erreicht hatten, bewegten wir uns nur noch mechanisch, das Denken hatte längst ausgesetzt.
Loch Maree kommt auf dem Dusky Track besondere Bedeutung zu. Es dient als Wasserstandsanzeiger und gibt Auskunft darüber, ob überhaupt noch an ein Weiterkommen zu denken ist. Im See gibt es zahlreiche abgestorbene Baumstämme; die Regel heißt, dass diese wenigstens einen halben Meter herausragen sollten, andernfalls bewegt man sich im Tal des Seaforth River - von uns später auch "Tal des Todes" genannt - nur noch schwimmend fort. Schon oben auf der Pleasant Range hat man einen guten Blick auf den See und seine abgestorbenen Baumstämme, so dass man sich gleich überlegen kann, ob man den Abstieg überhaupt wagt. Wir hatten wegen des relativ trockenen Wetters der letzten Tage Glück: Die Stämme waren deutlich zu erkennen.
Kurz vor der Lock Maree Hut überquert man den längsten Walkwire auf dem Dusky, wenn nicht auf Neuseeland. Diese Walkwires sind einfach drei Drähte, zwei für die Hände, einer für die Beine, die alle paar Meter durch senkrecht verlaufende Drahtstücke oder ähnliches miteinander verbunden sind. Die Überquerung ist aber kein Problem. Die Hütte am Loch Maree ist wie alle anderen auf dem Dusky: Klondike und Mäuse. Und ein Kontakt. Darin findet man eine Fülle von Einträgen, die bezeugen, dass Wanderer tagelang festsaßen, weil ihnen das Wasser bis zum Hals stand. Wer nicht genügend Zeit mitbrachte, konnte versuchen sich zum Dusky Sound durchzuschlagen und ausfliegen zu lassen. Leider kann ich mich an die meisten Einträge nicht mehr genau erinnern, aber einer war sehr kurz und einprägsam: "I want my Mommy!" Angesichts des instabilen Wetters, beschlossen wir deshalb, am nächsten Morgen früher loszugehen. Am späten Abend fing es tatsächlich zu regnen an. Ich schlief vor Nervosität schlecht und war schon kurz nach fünf auf den Beinen. Eine Stunde später machten wir uns auf den Weg. Es regnete immer noch, aber die Baumstämme im See waren noch zu sehen.
Schon nach wenigen Minuten kam der erste Test: Der Pfad führt nahe ans Wasser und ist daher schnell überschwemmt. Das hatten wir schon im Hüttentagebuch gelesen. Wir hatten Glück und mussten nicht schwimmen. Es ging weiter längs des Seaforth River durch den Regenwald. Der Fluss liegt meistens sehr still da, scheint kaum zu fließen, es ist warm, aber trüb und nieselt immer wieder. Aber zum Glück noch nicht der starke Regen. Es ist nicht so matschig wie befürchtet. Wir müssen nur einmal durch einen etwas tieferen Flussarm waten, was aber kein Problem ist. Trotzdem kommen wir sehr langsam voran. Im "Lonely Planet" ist die Strecke Kintail Hut nach Loch Maree mit 4-6 h angegeben. Das ist zwar der umgekehrte Weg und deshalb einfacher, da überwiegend bergab; trotzdem scheint es mir sehr knapp kalkuliert, wie alle Zeitangaben auf dem Dusky. Wir brauchen jedenfalls schon etwa 6 h bis zum Kenneth Burn. Danach ändert sich der Charakter der Strecke: Nicht mehr eben durch dem Sumpf, sondern teilweise steil bergauf zum Gair Loch und weiter zur Kintail Hut. Am Beginn dieses Aufstiegs ist der Weg sehr schlecht zu finden, da völlig zugewachsen. Wir kriechen teilweise auf allen Vieren durchs Farn. Der Vordermann ist bereits nach wenigen Metern nicht mehr zu sehen. Dafür ist der Anstieg ziemlich trocken. Als wir uns Gair Loch nähern fängt es stärker an zu regnen. Es wird wieder recht sumpfig, der Pfad ist immer noch kaum zu erkennen. Auf der Karte hat es den Anschein, als seien wir gleich am Ziel. Aufgeheizt vom Anstieg verzichte ich darauf, etwas überzuziehen, um mich vor dem immer stärker werdenden Regen zu schützen. Das war ein Fehler. Nach mehr als einer Stunde sind wir immer noch nicht an der Hütte. Ich bin inzwischen nass bis auf die Haut und völlig ausgekühlt. Wir schleppen uns noch eine halbe Stunde dahin und erreichen endlich die Kintail Hut. Nach etwa elf Stunden!
Ich war völlig am Ende, erschöpft und ausgefroren. Wir beeilten uns, einzuheizen und Wasser zu kochen. Inzwischen regnete es sehr stark und Wasser holen war eine Strafe. Neben der Hütte fließt manchmal ein kleiner Bach, aber der war ausgetrocknet, als wir ankamen, so dass wir unser Wasser irgendwo aus den sumpfigen Wiesen weiter unten schöpfen mussten. Nach etwa zwei Stunden konnten wir beobachten, was der Regen in kurzer Zeit bewirken kann: Das ausgetrocknete Bachbett hatte sich in ein Wildwasser verwandelt. Wir waren froh, das tiefliegende "Tal des Todes" bereits größtenteils hinter uns zu haben.
Am nächsten Tag sollten wir es endgültig verlassen: Schon kurz nach der Hütte beginnt der Anstieg zum Centre Pass. Aber schon das kurze Stück bis zur Brücke über den Seaforth reichte mir, um nicht nur wie üblich nasse Füße zu bekommen, sondern komplett Baden zu gehen. An einer besonders sumpfigen Stelle will ich auf einer kleinen Insel stehend Sabine fotografieren und verliere dabei das Gleichgewicht. Danach liege ich samt Rucksack bis zum Hals im Dreckwasser. Immerhin gelingt es mir, die Hand mit dem Foto über Wasser zu halten. Ich verfluche dieses Tal und den ganzen Track, aber dann geht es wieder. Sogar ganz gut. Die nassen Klamotten stören mich weniger, als befürchtet. Ich habe mehr an als gestern und verliere nicht allzuviel an Wärme. Am Centre Pass blicken wir ein letztes Mal zurück in dieses Tal, das uns soviel Kraft gekostet hat und machen uns an den Abstieg zur Upper Spey Hut. Der Weg wird nass und nässer, wir wissen bald nicht mehr, ob wir überhaupt noch auf einem Pfad oder in einem Bachbett gehen. Wir haben längst völlig aufgegeben, trockene Passagen zu finden und gehen stattdessen nur noch das, was wir für den kürzesten Weg halten. Schließlich erreichen wir die Upper Spey Hut, sogar einigermaßen in der Zeit. Weil die Schuhe von all dem Schlamm, Wasser und Schweiß erbärmlich stinken, versuchen wir in einem nahegelegenen Bach, den dicksten Matsch aus ihnen rauszuwaschen. Das hält man aber nur wenige Minuten aus, weil einen die Sandflies sonst umbringen.
Letzter Tag. Zurück in die Zivilisation: Trockene Kleider, anständiges Essen, Bier. Die Etappe von der Upper Spey Hut bis zur Straße von Deep Cove zum Westende des Lake Manapouri ist relativ kurz und einfach. Wahrscheinlich wäre uns das am ersten Tag ganz anders vorgekommen, weil wir noch versucht hätten, die Schuhe trocken zu halten. Mittlerweile spielt das keine Rolle mehr. Wir stapfen teilweise knietief durch den Schlamm und finden es nur noch lustig. Es hat sogar einen sportlichen Reiz, möglichst schnell und geradlinig auch die sumpfigsten Stellen zu durchqueren. Nur Sabine müssen wir einmal helfen, weil sie alleine nicht mehr aus dem Schlamm rauskommt. Wir erreichen die Straße schon nach weniger als vier Stunden.
Als wir später in Manapouri, am anderen Ende des Sees anlegen, schmeiße ich meine stinkenden Schuhe in den nächsten Mülleimer. Wer den Dusky geht, sollte keine neuen Wanderschuhe anziehen.