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Skitour zum Newtontoppen 1999

Der folgende Bericht beschreibt eine Skitour zum Newtontoppen, dem höchsten Berg Spitzbergens, Anfang Mai 1999. Die Tour dauerte 12 Tage, organisiert von Svalbard Polar Travel. Die 10 Teilnehmer waren 3 Norweger, 2 Franzosen, 2 Schweizer und 3 Deutsche. Ein dänischer (Jens) und ein schwedischer (Hendrik) Guide führten uns zusammen mit 4 Hunden.

1. Tag: Gerd und ich fliegen von München über Kopenhagen nach Oslo. Wir haben lange Aufenthalt, besuchen das Frammuseum. Toll! Abends weiter nach Tromsö und Longyearbyen.

2. Tag: wir kommen früh um 2 in Lonyearbyen an, es hat Minus 13 Grad (Celsius), leichten Wind. Wir fahren ins Svalbard Polar Hotel, das klasse ist, und schlafen erst mal aus. Später Kennenlernen, Tourenplanung. Es ist so lausig kalt, dass ich mir noch wollene Unterwäsche besorge, norwegisches Fabrikat. Sehr empfehlenswert!

3. Tag: Wir überprüfen die Ausrüstung, verteilen die Lebensmittel und machen eine kleine Testtour mit Pulkas auf dem Adventfjord.

4. Tag: Wir werden mit Motorschlitten von Longyearbyen durchs Adventdalen, Helvetiadalen, über den Tempelfjord zum Ausgangspunkt beim Akademikerbreen, gebracht. Bis alles gepackt und reisefertig ist wird es später Nachmittag. Wir gehen noch bis gegen 10 Uhr abends. Es ist zwar noch hell, aber um diese Zeit ist die Sonne sehr schwach, so dass es sehr kalt wird, etwa 20 Grad unter Null (Celsius). Ich lerne, meine erste "Norwegian Glacier Toilet" zu graben: Auf der windabgewandten Seite des Camps wird ein ca. 50 cm tiefer Spalt ausgehoben und damit eine Schneemauer als Sicht- und Windschutz gebaut.

5. Tag: Weiter bei gutem Wetter auf dem Akademikerbreen. Ich komme erstmals in den Genuss, einen der Hunde zu führen: Er ist kaum zu bremsen, der Schlitten zieht sich fast von selbst. Zeltlager auf dem Akademikerbreen.

6. Tag: Von dort geht es bei relativ sonnigem Wetter, aber starkem Wind über den Oxfordbreen. Es ist sehr mühsam, gegen den Wind zu gehen. Wir bauen uns eine Schneemauer, um während der Mittagspause einigermaßen windgeschützt sitzen zu können. Ich beneide alle, die jetzt einen Daunenanorak haben. Ich habe es für überflüssig gehalten einen mitzunehmen, da er zum Gehen viel zu warm ist. Das ist auch richtig, aber während der Mittags- und Abendstunden ist er fast unentbehrlich. Ich werde keine Tour mehr ohne gehen!

7. Tag: Übergang zum Kvitbreen, dem wir den ganzen Tag bis zum Fuß des Newtontoppen folgen. Es ist mild geworden, fängt sogar zu regnen an. Für die Mittagspause bauen wir das Außenzelt unseres Tunnelzeltes auf. Abends lagern wir am Newtontoppen, wo wir zwei Nächte bleiben werden. Es kommt zu regelrechten Wettbewerben um die schönste Gletschertoilette. Trotz meiner in den letzten Tagen erworbenen Praxis (Jens: "You like digging toilets?") verliere ich gegen Jens, der einfach das bessere Werkzeug hat: Ein langes Messer, mit dem sich wunderbar Schneeziegel schneiden lassen.
Beim abendlichen Lagerleben wird mir klar, dass mir außer dem Daunenanorak noch ein Kleidungsstück fehlt, obwohl es auf der Ausrüstungsliste von Svalbard Polar Travel stand: "Bivouac Boots". Ich konnte damit vorher nichts anfangen, gemeint sind grosse, weiche Schuhe aus Kunstfaser (in der Regel von Ajungilak), die herrlich bequem und warm sind und es erlauben, abends auf die nassen, unbequemen Skistiefel zu verzichten.

8. Tag: Wir besteigen den Newtontoppen, was problemlos mit Touren- oder Backcountryskien möglich ist. Von oben ein wundervoller Blick. Einziger Schönheitsfehler: Ein Motorschlitten ist ebenfalls da, ich weiss nicht woher er kommt. Es sind die einzigen Menschen, die wir bis zum Abstecher nach Pyramiden treffen werden. Sie sind bald wieder weg, wir haben die Landschaft wieder für uns. Am Abend hat Jens noch Lust den gegenüberliegenden Astronomfjalla zu besteigen, da er tagsüber mit der fußkranken Renke im Lager bleiben musste. Wir gehen zu siebt nochmal los, es ist ein herrlicher Abend.

9. Tag: Wir haben genügend Zeit und gehen nur wenige Kilometer um den Newtontoppen herum Richtung Clairottoppen, wo wir das nächste Lager aufbauen. Einige von uns versuchen einen schönen Berg zu besteigen: Wir gehen zunächst noch mit Skien und legen dann Steigeisen an, lassen die Ski stehen. Leider kommen wir nicht ganz zum Gipfel, da es ohne Eispickel für alle zu gefährlich wird. Trotzdem ein toller Ausflug.

10. Tag: Normalerweise geht es nun weiter zum Austfjorden, anschließend über den Mittag-Lefflerbreen wieder in Richtung Ausgangspunkt, wo man mit Motorschlitten abgeholt wird. Wenn wir in Richtung Fjord hinabschauen sehen wir nur Nebel, der zu uns hinaufzieht. Wir müssen die Route ändern und stattdessen zurück am Astronomfjellet vorbei über den Kepler- zum Rossebreen; von dort werden wir in den nächsten Tagen weiter über Grusdiev- und Lomonosovbreen, um am Rand des Nordenskjöldbreen hinunter zum Billefjord zu gehen. Es wird ein sehr anstrengender Tag bei schlechtem Wetter, Nebel, Wind, Kälte. Ich bin froh, als wir am Abend endlich unser Camp auf dem Rossebreen aufbauen.
In der Nacht nimmt der Wind zu, es stürmt.

11. Tag: Am nächsten Tag stürmt es immer noch, an Weitergehen ist nicht zu denken. Es wird ein Tag im Schlafsack, schlafen, essen, lesen. Von Zeit zu Zeit gehen wir hinaus, um das Zelt vom Schnee freizuschaufeln. Die Hunde, die wie üblich an den 4 Ecken des Camps mit Eispickeln angepflockt sind, sind unterm Schnee kaum mehr zu erkennen. Sie sind unser Eisbärenfrühwarnsystem. Tatsächlich fangen sie heute einmal heftig zu kläffen an, Gerd wird neben mir im Zelt sehr nervös bis ihn Jens beruhigt: Eisbärenkläffen klingt anders. Manchmal hört man Jens und Hendrik über Funk mit Longyearbyen sprechen. Es gibt Neuigkeiten: Südwind hat mittlerweile das Eis aus dem Adventfjord und Tempelfjord getrieben, wir können nicht wie geplant mit Motorschlitten abgeholt werden. Stattdessen werden wir mit eine kleinen Eisbrecher vom Billefjord geholt. Das gefällt mir ohnehin viel besser. Alles in allem ein herrlich gemütlicher Tag in unvergesslicher Stimmung.

12. Tag: Das Wetter hat sich beruhigt, die längste Etappe steht uns bevor: Wir wollen bis kurz vor den Nordenskjöldbreen kommen. Es geht überwiegend bergan, immer wieder zieht Nebel auf, man sieht vor allem weiss. Der Lomonosovbreen ist wie das Grönländische Inlandeis, jedenfalls behauptet das Jens und es ist glaubhaft. Ich vergesse zu essen und habe meinen einzigen physischen Einbruch auf der Tour, von dem ich mich trotz kiloweise Schokolade an diesem Tag nicht mehr erhole. Abends Zelten auf dem Lomonosovbreen.

13. Tag: Es ist immer noch neblig, aber sonst ist das Wetter nicht schlecht. Hendrik muss den Abstieg zum Billefjord finden, was in der weissgrauen Suppe nicht leicht ist. Der Nordenskjöldbreen ist wegen seiner vielen Spalten nicht begehbar, der einzige Weg nach unten geht an seinem Südrand entlang. Hendrik und Jens beraten sich häufig, vergleichen Karte und GPS-Koordinaten. Wir finden den Einstieg und es wird eine richtig rasante Abfahrt Richtung Fjord - soweit das mit Pulkas möglich ist. Noch etwa 50 Höhenmeter über dem Fjordeis sehen wir unten unseren ersten Eisbären, der auf den Hinterbeinen steht und die Nase nach ober streckt: Offenbar wittert er uns. Ein wunderschöner Anblich, wenigstens durchs Fernglas. Wir werden in den nächsten Tagen noch mehrmals Eisbären auf dem Fjordeis sehen, glücklicherweise immer aus sicherer Entfernung.
Am Abend entschließen wir uns gegenüber von Pyramiden in einer alten Trapperhütte zu nächtigen. Wir sind erst mal eine Stunde alle beschäftigt, den Schnee aus der Hütte zu schaufeln, den es den Winter über durch etliche Ritzen reingetragen hat. Endlich ist es nur noch nass und kalt in der Hütte, aber ziemlich schneefrei. Jens und Hendrik gelingt es, den Ofen mit Treibholz anzuheizen; er zieht schlecht, es wird ätzend rauchig und stickig, aber wenigstens halbwegs warm. Später wird es noch richtig gemütlich, kurz nach 12 stoßen wir sogar noch mit Jens' Cognac auf meinen Geburtstag an.

14. Tag: Abstecher nach Pyramiden, das ich schon vom Sommer her kenne. Als ich 1997 hier war, fingen die Russen gerade an, den Kohlebergbau einzustellen und die Siedlung zu räumen, teilweise zu verheizen. Inzwischen ist Pyramiden ausgestorben bis auf einen deutschen Aufseher, der hier alleine den ganzen Winter nach dem Rechten gesehen hat und jeden Eisbär auf dem Fjord zu kennen scheint, und einige Bauarbeiter: Die Siedlung soll künftig noch für den Tourismus genutzt werden. Wir skaten ohne Pulka wieder zurück zur Hütte, was einen Riesenspaß macht. Am Nachmittag brechen wir längs des Fjords nach Süden auf bis zu einer Stelle, wo uns morgen der Eisbrecher abholen kann. Unser letztes Lager ist das einzige, das nicht auf Schnee gebaut ist, aber wir schlafen wenig, wegen der Eisbären und weil sich Abschiedsstimmung breit macht.

15. Tag: Gegen Mittag kann man die "Polarsyssel" als kleinen roten Punkt erkennen, es wird noch etwa 2 Stunden dauern bis sie soweit ist, dass wir ihr den Rest des Wegs auf dem Eis entgegengehen können. Als wir schließlich an Bord gehen, erwartet uns ein herrliches Buffet, schierer Luxus.
Nachmittags kommen wir in Longyearbyen an, duschen und bereiten uns auf die kleine Abschlussfeier vor. Wir gehen in dieser Nacht nicht mehr schlafen, da der Flug nach Tromsö sehr früh geht.

16. Tag: Rückflug über Tromsö, Oslo und Kopenhagen nach München.